Die Gewalt im Nahen Osten ist am Dienstag nach einem israelischen Militäreinsatz gegen das palästinensische Gefängnis in Jericho dramatisch eskaliert. Aus Protest gegen den Einsatz der Armee und einen Abzug internationaler Beobachter aus der Haftanstalt verschleppten militante Palästinenser mindestens neun Ausländer und attackierten europäische Büros im Gazastreifen. Israelische Soldaten wollten in Jericho den inhaftierten Palästinenserführer Ahmed Saadat und weitere Männer wegen des Mordes an dem israelischen Tourismusministers Rechwam Seewi im Jahr 2001 festnehmen, wie die israelische Armee mitteilte. Israelische Soldaten nehmen Palästinenser im Westjordanland fest© Atef Safadi/dpa

Israelische Soldaten feuerten aus Panzern und von Hubschraubern auf das Gefängnis im Westjordanland aus, um die Inhaftierten zur Aufgabe zu zwingen. Bei der Schießereien starben zwei Palästinenser. Dutzende Polizisten und die Mehrzahl der Häftlinge gaben bis zum Nachmittag auf. Israel begründete den Einsatz mit einer Ankündigung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, Saadat könne freikommen.

Saadat wird in dem Gefängnis in Jericho seit 2002 auf Basis einer Übereinkunft festgehalten, die eine Belagerung des Hauptquartiers des damaligen Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat in Ramallah beendet hatte. Saadat ist Generalsekretär der radikalen Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), die sich zu dem Mord an Seewi bekannt hatte.

Nach dem Militäreinsatz entführten bewaffnete Unbekannte den örtlichen Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) im südlichen Gazastreifen. Der Schweizer wurde nach IKRK-Angaben aus seinem Büro in Chan Junis verschleppt. Aus der US-Arabischen Universität in Dschenin wurde ein US-Lehrer entführt. Bewaffnete Anhänger der PFLP entführten zudem zwei französische Mitarbeiterinnen von Ärzte der Welt (Médecins du Monde) im Gazastreifen, wie die Organisation in Paris bestätigte.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, verurteilte die israelische Militäraktion scharf. Gleichzeitig erhob er schwere Vorwürfe gegen die USA und Großbritannien. »Der Abzug der internationalen Beobachter vor der Operation wirft die Frage auf, ob da nicht vorab eine Abstimmung zur Vorbereitung dieser Aggression stattgefunden hat«, erklärte Mussa in Kairo. Der neue palästinensische Ministerpräsident Ismail Hanija rief die israelische Armee auf, den Einsatz zu beenden.

Unterdessen begann im besetzten Westjordanland mit Bauarbeiten für ein international umstrittenes Siedlungsprojekt. Um Jerusalem mit der jüdischen Siedlung Maale Adumim zu verbinden, werde in einem ersten Schritt eine Polizeistation errichtet, berichteten israelische Medien. Das Projekt war kritisiert worden, weil es eine Landverbindung zwischen dem Süden und Norden des Westjordanlandes, das von den Palästinensern für einen künftigen Staat beansprucht wird, unterbricht. Israelische Panzer und Bulldozer reißen das Gefängnis von Jericho nieder© Atef Safadi/dpa

Die israelische Regierung beabsichtigt, dort in den kommenden Jahren 3500 Wohnungen zu bauen. Die Jerusalem Post berichtete, das Polizeihauptquartier sei nun als Einzelprojekt ausgegliedert worden, weil es als Sicherheitsmaßnahme ohne scharfe internationale Kritik verfolgt werden könne. »Dies wird nicht als Siedlungsbau bewertet. Deswegen gehen wir davon aus, dass die USA nicht dagegen sind«, zitierte die Zeitung einen israelischen Diplomaten.