Bin gleich wieder da

Otomo Yoshihide hat keine Zeit. Der japanische Free-Jazz-Gitarrist, Musikforscher, Komponist und Autor ist viel beschäftigt. Man könne ihn vielleicht auf seinem japanischen Handy anrufen, aber er wisse nicht zu sagen wann. Gerade ist er auf Tournee durch Japan, jeden Tag eine andere Stadt, ein anderes Projekt. Sein Trio Green Zone in Tokio und Nagoya, ein Workshop mit behinderten Menschen in Kobe, sein Elektronik-Trio I.S.O. in Yamaguchi… Und dann nächste Woche Berlin, das Festival Maerz Musik, das in diesem Jahr "Japan und der Westen" heißt.

In der Sonic Arts Lounge des Festivals wird er die Musik des japanischen Fernseh-Komponisten Takeo Yamashita spielen, der im vergangenen Jahr mit 75 starb. Und ein eigenes Projekt vorstellen, Out To Lunch. Beides aufgeführt von seinem New Jazz Orchestra, genannt ONJO, in dem Sinuswellen, Mischpult und Computer eine Rolle spielen.

Out To Lunch hieß das Album des amerikanischen Jazz-Saxofonisten, Flötisten und Bassklarinettisten Eric Dolphy, aufgenommen im Februar 1964. In den Liner Notes sprach Dolphy davon, Amerika zu verlassen und nach Europa zu gehen. Dort könne er seine Musik aufführen. Es war seine letzte Aufnahme in Amerika. Im Juni 1964 machte er noch einige Aufnahmen in Europa. Last Date mit Misha Mengelberg und Han Bennink sowie Naima und Unrealized Tapes mit Donald Byrd und einer französischen Rhythmusgruppe. Dann starb er in Berlin an den Folgen seiner nicht erkannten Zuckerkrankheit, 36 Jahre alt. "Dolphy ging zur Mittagspause und kehrte nie zurück" , schrieb der japanische Schauspieler und Essayist Tonoyama Taiji 1981 in einem japanischen Jazzmagazin als Teil einer Serie My Favorite Jazz Record.

Es waren die Texte von Tonoyama Taiji, die Otomo Yoshihide in den siebziger und achtziger Jahren durch Tokio trieben. In die Clubs und zu den Musikern, die Taiji in seinen Tagebuchnotizen beschrieb. Er hörte Eric Dolphys Platte Out To Lunch in einem der Jazz Kissas, in denen er auch Super-8-Filme sah und Mangas las.

Das Cover von Otomos Out To Lunch- CD bildet die Ästhetik des Blue Note-Albums von Eric Dolphy nach, mit der gleichen Schrift und der blau getönten Fotografie. Auf dem Dolphy-Album ist eine abgenutzte Ladentür mit einem schief hängenden "Will Be Back"-Schild zu sehen, darauf eine Uhr. Nur erfährt man nicht, wann genau der Besitzer zurückkommen wird. Die Uhr zeigt sieben Zeiten an. Auf Otomos Cover sind Menschen zu sehen, die in eine U-Bahn steigen, mit erschöpften Gesichtern, in Gedanken.

Im Dezember 2005 erschien Otomos Version des Out To Lunch- Albums, an der er sechs Jahre gearbeitet hatte. Mit seinem New Jazz Orchestra aus japanischen Free-Jazz- und Elektronik-Musikern, erweitert um europäische Improvisationsmusiker wie den Berliner Trompeter Axel Dörner, den schwedischen Baritonsaxofonisten Mats Gustafsson und den Frankfurter Saxofonisten Alfred Harth.

Bin gleich wieder da

Otomo Yoshihide, 1959 in Yokohama geboren, empfindet das Gitarrenspiel als physischen Vorgang, im Unterschied zur Erzeugung elektronischer Klänge, die eher die Idee von Musik verkörpern. Er studierte in Tokio Musikethnologie und erforschte den Zusammenhang zwischen Musik und Gesellschaft am Beispiel der Popularmusik Japans während des Zweiten Weltkriegs und der chinesischen Musik zur Zeit der Kulturrevolution. Momentan untersucht er den Zusammenhang von improvisierter Musik und sozialem Raum.

Beeinflusst von der Arbeit des New Yorker DJ-Künstlers Christian Marclay integrierte er den Plattenspieler als Instrument in sein Musikschaffen. Doch erst durch die Beschäftigung mit Elektronik, inspiriert von den Sinuswellen der japanischen Musikerin Sachiko Matsubara, hat sich seine Ästhetik reduziert. 1999 gründet er das New Jazz Quintet, um den Free Jazz der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre mit aktuellen Klang- und Elektronikvorstellungen zu konfrontieren. Aus dieser Formation entwickelt er 2004 das erweiterte New Jazz Orchestra.

Damals, 1999, beschäftigte sich Otomo Yoshihide auch mit den TV-Musiken Takeo Yamashitas, die eine kollektive Erinnerung erzeugt haben, da eine Generation Heranwachsender seine Musik in den sechziger und siebziger Jahren im Fernsehen hörte. Es erschien das Album Yoshihide Otomo Plays Music Of Takeo Yamashita. Nach Berlin bringt Otomo jetzt die Sängerin Kayoko Ishu, die in den Originalsendungen des japanischen Fernsehens gesungen hat.

Und nach Yamashita kam Eric Dolphy. Für Otomo Yoshihide bildete dessen Musik den Soundtrack zu den letzten Jahren seiner High School in Fukushima und zu seinen Anfängen als Student in Tokio. Musik zu Erinnerungsbildern, in die Gegenwart getragen. Will Be Back. Bin gleich wieder da.

Programm des Festivals Maerz Musik auf:
www.berlinerfestspiele.de

Mehr von Otomo Yoshihide auf:
www.japanimprov.com/yotomo

Musik zum Thema:
 "Out To Lunch" (Eric Dolphy), auf: Otomo Yoshihide´s New Jazz Orchestra plays Eric Dolphy´s "Out To Lunch" ( doubtmusic, 2005 ),

 "Out To Lunch" (Eric Dolphy), auf: Eric Dolphy, "Out To Lunch" (Blue Note, 1964)