Das bisschen Haushalt? Für viele Freunde und Bekannte in der Popkulturboheme eine lässig zu bewältigende Nebensache. Gelegentlich schick kochen, sonst nur ein paar vom Besuch benutzte Teebecher abspülen, und gleichzeitig noch mit mir neugieriger Journalistin telefonieren. Sowieso geht man ja lieber auswärts essen. © ZEIT online BILD

Doch ich teile „Mein Leben mit Musik“ mit zwei Kindern und ihren Haustieren. Da sind Kochen, Putzen, Waschen kein Spaß, sondern tägliches Einerlei, und die Aufenthalte zwischen schmutzigen Töpfen und Riesenbergen zu verarbeitenden Gemüses dauern länger, als einer begeisterten Anhängerin des musikalischen Nachtlebens lieb sein kann. Jeden Tag lacht mich der böse Küchendämon an mit seiner „Du bist benachteiligt und in der Minderheit“-Fratze. Dann schiebe ich einen aktuellen Lieblingstonträger ins Abspielgerät und lache hämisch zurück. Oft singe ich mit, laut und wild, was die Volumenpegel hergeben. So sind Kunst, Kitsch und Karaoke in meine Küche eingezogen, als der Mann und Hobbychefkoch auszog.

Wenn ich mittags spät aufstehe und dann in die Küche gehe singen Britta zu halbwegs fröhlichen Popkadenzen auf ihrer neuen CD Das schöne Leben. Ich trällere inbrünstig mit - und halte mich daran. So viel Restwiderstand gegen den Mainstream muss sein. Schließlich sind Sohn und Tochter bereits Teenager und haben sich damit abgefunden, dass es für Schulheimkehrer aufgewärmte Reste vom Vortag gibt, während Mutter sich grad erst ihr Frühstücksbrötchen aufbackt. Zum vollen Einsatz kommen Kombiherd, Geschirrspüler und automatische Häckselhilfe erst abends - genau wie meine zwei liebsten Küchenmaschinen.

Die erste ist ein schrottreifer Doppelkassettenrekorder, den ich zur Verbesserung seines schwächlichen Raumklangs oben an der Türangel aufgehängt habe. Darauf spiele ich die Schätze aus meiner Kassettensammlung mit Bollywoodsoundtracks ab, jenen zuckersüßen indischen Filmpopsongs, die von traditionellen Tablarhythmen bis hin zu Techno jede Musikmode zwischen Ost und West knallbunt widerspiegeln. Nichts lässt mich abgegessene Teller schwungvoller in den Spülkorb schleudern als Asha Bhosles Hai Rama Dharma, und ich verausgabe mich völlig zum Soulsisterchor und Discofunk auf Hindi. Auf zum Sonntagstanz in Bombay: Let‘s set the streets of Juliet on fire. Dance with Romeo in the streets of desire. Wie klänge wohl Westside Story, wenn der gute Lenny B. damals ein paar Stimulanzien genommen hätte?

Nichts lindert einfühlsamer die Rückenschmerzen beim Kartoffelpuffermarathon an zwei Pfannen als ein indisches Liebesduett. Immer hinein mit dem Alltagsstress und sonstigem Kummer in die orientalischen Gesangshöhen und Melismen, es hört ja keiner, dass ich weder die Stimmlagen noch die Sprache beherrsche und die alten Kassettenbänder alles verzerren. Falls doch, werte Nachbarn, nenne ich das freie Religionsausübung!

Dementsprechend erhalten Weihnachtslieder zum adventlichen Plätzchenbacken ihren heimlichen Glanz erst durch die vom Küchensmog verschmierten Tonköpfe und leiernden Bandmotoren. Je oller, desto doller, die Aufnahmen vom Orchester und Kinderchor des NDR 1955-68 schmalzen am schönsten. Meine liebsten Saisonhits sind Erwin, der dicke Schneemann und Schneeflöckchen, Weißröckchen als Kindertechnoschlager. Gehen ab wie Schmidts Katze und das Sternchenausstechen flutscht prima, bloß mein Nachwuchs leugnet in solchen Momenten unser Verwandtschaftsverhältnis.