Ein neuer Fall in der gegenwärtig heiß laufenden Fusionsmaschinerie: Das Darmstädter Pharma- und Chemieunternehmen Merck rechnet damit, dass der Konkurrent Schering seinen Widerstand gegen eine Übernahme aufgeben wird. "Wir haben die feste Erwartung, dass der Schering-Vorstand früher oder später die Attraktivität des Angebotes erkennt", sagte Merck-Finanzchef Michael Becker am Montag in Darmstadt. Merck werde in jedem Fall an seinem Übernahmeangebot festhalten. Aus Gesprächen mit dem Schering-Großaktionär Allianz habe er den Eindruck, dass dieser die Bedenken des Berliner Unternehmens nicht teile.

Merck will mit der Übernahme seine internationale Wettbewerbsposition stärken. "Mit dem Zusammenschluss werden wir fähig sein, im harten globalen Wettbewerb mit anderen Pharmaunternehmen zu bestehen", sagte der Leiter der Merck-Pharmasparte, Elmar Schnee. Dies gelte sowohl für die Verkaufsorganisation als auch für Forschung und Entwicklung. Im Geschäft mit patentgeschützten Medikamenten hätten beide Unternehmen zusammen ein hochwertiges Sortiment an Produkten in der Entwicklung, sagte Schnee. Die Erfahrungen von Schering könnten die Markteinführung eigener neuer Medikamente von Merck beschleunigen. Außerdem gewönne Merck einen Zugang zum nordamerikanischen Markt.

Das Übernahmeangebot hatte die Schering-Aktie am Montag in die Höhe schießen lassen. Die im DAX notierten Schering-Titel stiegen zwischenzeitlich um 22,2 Prozent auf 81,70 Euro.  Die im M-DAX notierten Aktien der Merck KGaA gaben dagegen um 2,5 Prozent auf 81,61 Euro nach. Der Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzern will den Berliner Konkurrenten im Rahmen eines feindlichen Übernahmeangebots für 14,6 Milliarden Euro übernehmen. Merck bietet den Schering-Aktionären 77 Euro je Aktie in bar. Dafür ist eine Kapitalerhöhung geplant.

Schering-Chef Hubertus Erlen hatte das Angebot als zu niedrig und unerwünscht abgelehnt. Er warnte auch, eine solche Übernahme schwäche die Rolle von Schering als "maßgeblicher Player in den weltweiten Märkten für Spezial-Medikamente". Nun gelte es, das Angebot von Merck in aller Ruhe und Gelassenheit zu analysieren.

Merck dagegen sieht die Übernahme als Stärkung der deutschen Pharmaindustrie. Beide Unternehmen hätten eine vergleichbare Geschichte und eine Tradition als Familienunternehmen, sagte der Vorsitzende des Merck-Familienrates, Jon Baumhauer. Die Pläne böten die Möglichkeit, "ein hochkarätiges Pharmaunternehmen von internationalem Rang mit Sitz in Deutschland zu schaffen". Merck wolle Schering keinesfalls zerschlagen. "Eine Zerschlagung wäre widersinnig", sagte Merck-Aufsichtsratschef Wilhelm Simson. Der Zusammenschluss werde zwei Geschäftsfelder verbinden, die sich beide mit Arzneien für die Tumorbehandlung beschäftigen. Die könnten sich sehr gut ergänzen, sagte Pharmavorstand Elmar Schnee. Merck wolle auch das Chemiegeschäft Scherings nicht verkaufen. "Mercks erfolgreiches Geschäftsmodell in Pharma und Chemie wird durch den Zusammenschluss gestärkt", sagte Simson.

Allerdings schloss Merck nicht aus, dass Stellen verloren gehen könnten. "Natürlich wird es in gewissen Bereichen zu Reduktionen kommen", sagte Vorstandsvorsitzender Michael Römer. "Der Fokus liegt aber nicht auf Einsparungen", fügte er hinzu. "Wir sind in der Vergangenheit sehr sorgsam mit diesem Thema umgegangen und werden es auch in Zukunft tun." Römer sagte weiter, Berlin als bisheriger Sitz von Schering werde auch künftig "ein bedeutender Standort der Merck-Gruppe sein". Diese werde ihren Sitz aber am angestammten Ort in Darmstadt behalten.