In Pulheim-Stommeln nahe Köln steht ein ehemaliges jüdisches Bethaus . Vor 15 Jahren initiierte die Stadt dort ein Kunstprojekt mit Ausstellungen international renommierter Künstler. Richard Serro,  Eduardo Chillida und Rosemarie Trockel beispielsweise waren schon geladen  - in Pulheim-Stommeln wird etwas getan für das Gedenken und das hat Tradition.

Dieses Jahr nun leitete der spanische Künstler Santiago Sierra Kohlenmonoxid in die ehemalige Synagoge, durch lange schwarze Schläuche aus den Auspuffrohren von sechs Autos. 245 Kubimeter insgesamt, so viel, dass die Konzentration des giftigen Gases im Innern lebensgefährlich wurde. Danach konnte, wer wollte, den Raum betreten. Mit Gasmaske und in Begleitung eines Feuerwehrmannes.

Kunst soll etwas bewegen, was auf anderen Kommunikationswegen nicht bewegt werden kann. Dieses Diktum gilt insbesondere für die Kunst zum Gedenken. Folgerichtig sagte Santiago Sierra in seiner Stellungnahme zur Eröffnung der Installation, dass er etwas gegen die Banalisierung des Gedenkens an den Holocaust habe tun wollen.

Doch ist das notwendig? Selbst ein aufmerksamer und kritischer Beobachter wie der Schriftsteller Ralph Giordano sagt , der Holocaust, also der Völkermord an den Juden im deutschbesetzten Europa während des Zweiten Weltkrieges, sei heute im Bewusstsein der Bevölkerung so präsent wie nie zuvor. Das Argument Sierras sticht also nicht.

Was beabsichtigt Santiago Sierra dann? Durch seine Arbeit hat er die Aufmerksamkeit nicht nur auf den Holocaust gelenkt, sondern auch auf seine eigene Person. Er wird in einer Reihe mit den oben angeführten, international renommierten Künstlern genannt. Es werden frühere Arbeiten von ihm erwähnt - die tätowierten Arbeiter aus Mexiko und die blondierten Afrikaner. Es ist keine Schande, als Künstler Selbstmarketing zu betreiben. Aber man kann den Eindruck gewinnen, hier werde eine Geschmacklosigkeit damit gerechtfertigt, dass sie sich an dem Holocaust-Gedenken reibt. Nein, nur weil sich ein Künstler mit dem Thema auseinandersetzt, bleibt seine Darstellung nicht unangreifbar.

Der Ärger des Zentralrats der Juden in Deutschland ist verständlich. "Wer meint, es sei Kunst, eine 'Gaskammer' durch hochgiftige Autoabgase, noch dazu in einer ehemaligen Synagoge, zu simulieren, um damit vermeintliche Authentizität zu vermitteln, missbraucht schamlos die Kunstfreiheit", sagte der Generalsekretär Stephan J. Kramer. Er benutzte auch das Wort "Kunstspektakel": eine lärmende Veranstaltung zur Befriedigung der Schaulust.

Bei der Stadt Pulheim-Stommeln will man jetzt nichts sagen, nicht einmal mehr, wer über die Aktion einst entschieden hat. Es werde eine Stellungnahme geben. Eines nur klang durch: Man werde die Veranstaltung wohl am kommenden Sonntag wie geplant noch einmal zulassen. Um Besucher muss man sich wohl auch nicht sorgen, denn der Andrang war am ersten Sonntag groß. Binnen kurzem gab es keine freien Plätze mehr auf der Anmeldeliste für den Besuch der 'Gaskammer'.