Brechen die "letzten Tage von Tony Blair" an, wie das Wochenmagazin Economist gerade verkündete? Das politische Ende des Premiers war in den zurückliegenden Jahren oftmals vorausgesagt worden. Von konservativer und linker Presse, die den Kriegspremier seit langem zum Teufel wünschen, von linken Labourabgeordneten, die ihn mit Inbrunst hassen, weil sie ihn als Verräter hehrer sozialistischer Prinzipien betrachten. Bislang hatten sich alle Untergangsprognosen stets noch als eine Mischung aus " wishful thinking ", aus Wunschdenken, und medialem " hype " erwiesen. Doch nun steht sein Schicksal auf der Kippe.

Die Indizien mehren sich, dass Anhänger von Finanzminister Gordon Brown, Blairs designiertem Nachfolger, absichtsvoll einen Putschversuch starteten, um endlich ihren Mann zu inthronisieren. Durch gezielte Enthüllungen sorgten sie dafür, dass Tricks ruchbar wurden, mit deren Hilfe Labour den letzten Wahlkampf finanzierte. Labours Schatzmeister, ein unauffälliger Parteiapparatschik und Gewerkschaftler, verheiratet mit einer Ministerin, die bereits als Gordon Browns Stellvertreterin gehandelt wird, trat Mitte der Woche die Lawine los. Er tat kund, nichts von den Darlehen gewusst zu haben, die vor der Parlamentswahl in die Labourkassen flossen. Insgesamt handelt es sich um die stolze Summe von rund 14 Millionen Pfund. Nicht gesetzeswidrig, aber anrüchig, weil es sich um eine clevere Ausnutzung von legalen Schlupflöchern handelt, und weil die generösen Geldgeber auf die Vorschlagsliste für eine " Life Peerage ", einen Lordtitel und Sitz im Oberhaus gerutscht waren.

Blair hatte 1997 verkündet, seine Regierung werde, anders als vor ihm die Tories, "weißer als weiß sein". Die Ironie der Geschichte: Blair hat tatsächlich für eine sauberere Lösung bei der  Parteienfinanzierung gesorgt. Spenden müssen seither offengelegt werden; eine unabhängige Kommission entscheidet über die Vorschläge der Regierung für Sitze im Oberhaus. Das jahrelange Gerede von Tonys " cronies ", von seinen Kumpanen, die massenhaft auf die Polsterbänke des Oberhauses gespült wurden, war zumeist bösartiger " spin " der Medien. Die Probe aufs Exempel in dem neuesten Skandal: Allen drei Darlehensgebern wurde von der Kommission der Lordtitel verweigert.

Gleichwohl ist Blairs Image angekratzt, wie auch verheerende Umfragen belegen. Nicht länger ist er der Typ Politiker, von dem man einen Gebrauchtwagen kaufen würde. Der Parteispendenskandal würde allein gewiss nicht ausreichen, ihn zum Rücktritt zu zwingen. Doch der Eindruck, der Premier sei nachhaltig beschädigt, wird durch andere Entwicklungen genährt. Da ist Tessa Jowell, Ministerin für Kultur und eine enge Verbündete Blairs. Ihr Ehemann, als Anwalt auf Steuervermeidung spezialisiert, ist verwickelt in anrüchige finanzielle Manöver, ausgerechnet von Italiens Regierungschef Berlusconi. Die Trennung von ihrem Mann hat die Situation entschärft, aber ein unguter Geschmack bleibt zurück.

Und dann ist, last but not least, die Labourfraktion. Eine wachsende Minderheit notorischer Blairhasser nutzt jede Gelegenheit aus, um zu rebellieren. Die Schulreform vermochte der Premier Anfang letzter Woche nur mit Hilfe der Konservativen durchs Parlament bringen. Auf den Hinterbänken im Unterhaus sitzen zwei Dutzend rachsüchtiger Exminister. Zusammen mit dem linken Labourflügel sorgen sie dafür, dass die eigentlich solide Mehrheit der Regierung von 69 Sitzen dahinschmolz wie Butter in der Sonne.

Je verzweifelter Tony Blair versucht, sein Erbe zu sichern und Reformen im staatlichen Sektor zu verwirklichen, desto entschlossener torpedieren seine  innerparteilichen Gegner diese Projekte. Dass sie damit auch die Chancen von Gordon Brown beschädigen, stört sie nicht. Zumal sie wissen, dass der Schatzkanzler zusammen mit Blair den verhassten "dritten Weg" konzipiert hatte und auf Blairs Reformpfad weiterschreiten will.

Unter Blairs Anhängern greift das Gefühl um sich, dass seine Ära sich dem Ende zuneigt. Ein Premier auf Zeit ist er ohnehin, seitdem er vor der letzten Wahl verkündete, nicht noch einmal antreten zu wollen. Sein Zeit läuft so oder so ab. Der Economist , der die Politik des Premiers eher zustimmend begleitet hat, drückt aus, was viele denken: Der Premier möge besser jetzt, erhobenen Hauptes, gehen, als warten, bis ihm aus den eigenen Reihen der Dolch in den Rücken gejagt wird.