Die Vertreter französischer Gewerkschaften beraten am Montag in Paris über ihr weiteres Vorgehen gegen die umstrittene Arbeitsrechtsreform. Nach den Massenprotesten am Wochenende haben die französischen Gewerkschaften Präsident Jacques Chirac ultimativ zur raschen Rücknahme der umstrittenen Arbeitsrechtsreform aufgefordert und mit Generalstreik gedroht. Gewerkschaften sowie die Organisationen der Schüler und Studenten haben Chirac und Villepin dafür bis zu diesem Montag Zeit gegeben. Der Premierminister schloss am Sonntag die geforderte Rücknahme des Reformwerks aus und bedauerte, dass seine "Methode" Unverständnis hervorgerufen habe. "Man muss dem Ersteinstellungsvertrag (CPE) eine Chance geben, einem vervollständigten und verbesserten Vertrag, um jedem seine Befürchtungen zu nehmen", sagte Villepin dem Monatsmagazin Citato , ohne in die Einzelheiten zu gehen. Der Präsident der Nationalversammlung Jean-Louis Debré verurteilte das von Gewerkschaftsseite formulierte Ultimatum gegen ein vom Parlament beschlossenes Gesetz als "Schädigung der Demokratie". Senatspräsident Christian Poncelet wies das Ultimatum als "inakzeptabel" zurück. Das Gesetz "könne nicht von der Straße verändert werden". Am Samstag hatten Hunderttausende gegen Villepins Reform demonstriert. Nach den Kundgebungen kam es wie in den vergangenen Tagen wieder zu Krawallen und Ausschreitungen. Nach Gewerkschaftsangaben demonstrierten am Samstag 1,5 Millionen Menschen, in Paris allein 350.000. Das Innenministerium zählte dagegen 503.600 Demonstranten, etwa 80.000 in der Hauptstadt. Für den Protesttag am 7. März hatte die Polizei 400.000 Teilnehmer errechnet, die Gewerkschaften eine Million.Chirac und Villepin trügen "die volle Verantwortung für die sozialen Spannungen" im Land, die umkämpfte zweijährige Probezeit für Arbeitnehmer unter 26 Jahren müsse vom Tisch, erklärten Verbände und Gewerkschaften nach der Mobilisierung. "Es muss etwas geschehen, die Stabilität des Landes ist drei Monate nach den Jugendunruhen in den Vorstädten in Gefahr", warnte Sozialistenchef François Hollande. Alle Linksparteien hatten sich dem nationalen Protesttag angeschlossen. "Die Hand ist ausgestreckt, die Tür offen", bekräftigte Regierungssprecher Jean-François Copé die Bereitschaft, das Gesetz zu verbessern. Villepin und Chirac haben es strikt abgelehnt, den CPE zurückzunehmen. "Wenn Villepin sich nicht bewegt, müssen mehrere Gewerkschaften zum übergreifenden Streiktag aufrufen", forderte der Generalsekretär der Force Ouvrière, Jean- Claude Mailly, am Sonntag eine "Beschleunigung".Nach Umfragen wollen 68 Prozent der Franzosen eine Rücknahme der Reform. Mit ihr will Villepin die hohe Arbeitslosigkeit in der jungen Generation angehen. Sie erreicht in Problemvierteln bis 40 Prozent. Die Mitte Januar begonnene Auseinandersetzung um das Reformgesetz hat den engen Chirac-Vertrauten in der Beliebtheit markant abstürzen lassen. Villepin ist seit zehn Monaten im Amt und sieht sich als Präsidentschaftskandidat für die Wahlen im Frühjahr 2007.Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit hält eine Gleichsetzung der Studentenproteste mit den Demonstrationen vom Mai 1968 für nicht gerechtfertigt. Die Demonstranten von heute seien "negativ" eingestellt und handelten "defensiv", sagte Cohn-Bendit der britischen Tageszeitung Financial Times vom Samstag. "Die jungen Leute haben eine negative Sicht auf die Zukunft. Mai 1968 war eine offensive Bewegung mit einer positiven Vision der Zukunft." Die aktuellen Proteste seien dagegen von einer Anti-Haltung geprägt. "Sie sind defensiv und beruhen auf der Angst vor Unsicherheit und Wandel."