Wird es in Hamburg unbehaglich, weil ein riesiger schwarzer Würfel weithin sichtbar im Stadtraum aufgestellt werden soll? Muss man fürchten, zum Angriffsziel für islamistischen Terror zu werden? In der Stadt nimmt man die Sache gelassener, als man nach dem Artikel von Hanno Rauterberg in der letzten Ausgabe der ZEIT denken könnte. Kaum hatte Hubertus Gaßner, der Direktor der Hamburger Kunsthalle, in einer lokalen Talkshow wie zufällig bekannt gegeben, dass man ein Kunstwerk von Gregor Schneider im Rahmen der Malewitsch-Ausstellung Frühjahr 2007 zeigen werde, da kombinierte die Lokalpresse messerscharf. Und es war das hanseatisch konservative Abendblatt , das dem „Cube Hamburg 2007“ lange vor der Konkretisierung der Planungen eine wohlwollende Artikelserie widmete. Man befragte Kunstvermittler, Galeristen und die islamischen Gemeinden und erhielt überall dieselbe Reaktion: „Das ist Kunst“. Die Computergrafik zeigt die umstrittene Kubus-Installation von Gregor Schneider vor der Hamburger Kunsthalle© dpa

In der Diskussion um Schneiders Kubus und seine Bezugnahme auf die Kaaba in Mekka werden gern extreme Positionen eingenommen: dramatische Politisierung trifft auf strikte Entpolitisierung. Beide sind, wie stets, auf dem je anderen Auge blind. Wenn man die Möglichkeit einer Terrorbedrohung wiederholt, die sich durch die Ablehnungen des Kubus in Venedig und Berlin als Sorge aufgebaut hat, gerät man in die verheerende Situation, entweder vorauseilend klein beizugeben oder einer Rechtfertigung des Terrors Vorschub zu leisten. Im anderen Fall jedoch nivelliert man schnell das, was die Chance der ebenso schwarzen wie unheimlichen Arbeit Schneiders ist: die Begegnung zwischen einander fremden Kulturen, die sich im deutschen Alltag - entgegen den politischen Beschwörungen – kaum wirklich begegnen.

Schaut man an dieser Stelle genauer hin, dann stößt man auf einen unbehaglichen Grund, der Terrorangst und politikferner Kunstbejahung gemeinsam zu sein scheint. Es ist die Angst vor dem anderen, Unbekannten, die Angst vor dem Islam als einer ebenso starken wie unverständlichen und deshalb bedrohlichen religiösen Kraft. Im ersten Fall wird sie durch Untersagung gebannt. Man sagt ab, um die eigenen Städte und Plätze nicht durch etwas zu irritieren, von dem man nicht weiß, wie es wirkt und was es bewirkt. Im zweiten Fall wird das realisierte Kunstwerk unter der Rubrik Kunst von der Bezugnahme auf eine fremde Religion und dem Vorwurf der Provokation geläutert, um dieselbe Gefahr zu bannen. Einer solchen Verkürzung der Arbeit auf einen modernen bis postmodernen Kunstdiskurs wäre dann zu Recht der Vorwurf der Beliebigkeit zu machen. Dem sollte man nicht mit Verachtung begegnen, sondern mit einer differenzierten öffentlichen Diskussion des geplanten Objekts.

Und daran wird gearbeitet. Sowohl Gregor Schneider als auch seit kurzem Hubertus Gaßner haben in Stellungnahmen die komplizierten politischen, kulturellen und künstlerischen Dimensionen des Kubus angesprochen. Jetzt muss nur noch die lokale Politik von den beschriebenen Ängsten verschont bleiben und die Baubehörde ihr O.K. geben. Denn anders als erklärte Kunstkenner, die das Konzept als Konzept gut heißen, aber seine Umsetzung mittlerweile als überflüssig erachten, halte ich die Realisierung des Kubus für notwendig, wenn man die in ihm angelegten Erfahrungsdimensionen nicht nur für den Kunstbetrieb wirklich werden lassen will.

„Was wir sehen, blickt uns an“, schrieb der französische Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman 1992 und entfaltete ein Denken, mit dem man die tautologischen und substanziellen Begründungen der Form in der modernen Kunst verlassen kann. Er zeichnete die Zeitlichkeit, die Widersprüche und Latenzen minimaler Kunstobjekte nach, die man erblickt, sobald man Sehen nicht als Finden und Bestätigen begreift, sondern als ein „Verlieren des Gegenstands“. Sehen, so verstanden, ist kein Wiedererkennen eines Bekannten, sondern ein Prozess, in dem das Verborgene und Unsichtbare das Augenfällige durchbricht. Gregor Schneiders von der Kaaba inspirierter Kubus zielt doppelt auf ein Verlieren im Sehen. Sein Konzept sieht ein Metallgerüst vor, das von schimmerndem Samtstoff ummantelt wird. Mit neuester Ingenieurstechnik will er auf der Plattform zwischen der alten und neuen Hamburger Kunsthalle einen vollkommen luftigen, dabei schwarz begrenzten Leerraum schaffen – und damit ein Paradox in seiner Unfassbarkeit und Schönheit sichtbar machen. Und in der Kreuzung von Leichtigkeit und Schwärze fallen die Versprechen wie die Schattenseiten von Orient und Okzident, von Religion und westlicher Moderne zusammen. Die unauflösliche Unentschiedenheit des schwarzen Würfels, der ebenso die gemeinschaftsbildende, erhebende Kraft wie die potenziell verheerende Macht des Unsichtbaren vor Augen führt, ist die wirkliche Gefahr, in die man sich mit seiner Verwirklichung begibt.