Zweieinhalb StundenSpoken-Word-Künstler, Punkmusiker, Schauspieler, Buchautor, Verleger, Labelchef, TV-Moderator, ewig reisender Stiernacken: Henry Rollins besucht Hamburg auf seiner »25 Years Of Bullshit Tour«. Der Name weist auf ein Bühnenjubiläum hin, aber wer hier Schultergeklopfe und Anekdötchen eines gebisstragenden Altrockers erwartet, wird eines Besseren belehrt. Vielleicht wirkt der Titel abschreckend, denn die geräumige Halle des Kampnagel-Theaters in Hamburg ist nur dreiviertelvoll. Spoken Word ist eine moderne Form der Lyrik und wird meist in Verbindung mit Musik vorgetragen, nicht unbedingt rhythmisch, aber doch sehr melodiös. Henry Rollins steht allein auf einer kargen Bühne, in der Hand hat er ein Mikrofon und zu seinen Füßen befindet sich eine kleine Wasserflasche, an der er im Laufe seines zweieinhalbstündigen Dauervortrags zweimal nippt. Keine Band, keine Zuspielungen. Er erzählt einfach, seine Technik ist fantastisch. Er erzeugt Dynamik und Spannung über den Umgang mit dem Mikrofon, das macht seine Show so musikalisch.

Nicht zu buntWer zu Henry Rollins geht, hofft auf Denkanstöße und Amüsement. Aber zu bunt darf es nicht werden. So kam das Publikum in allen Schattierungen zwischen Schwarz und Grau.

Auf den Bush klopfen Henry Rollins steht für das liberale Amerika. Er wettert gegen Bush und imitiert ihn hervorragend. Der Abend beginnt wie eine US-Ausgabe des Scheibenwischers: »Wie kommt es, daß ihr Deutschen im Alter von sieben Jahren schon besseres Englisch sprecht als unser Präsident?«

Werner Herzog & HollywoodVon der Politik springt er zur Kultur. Den deutschen Regisseur Werner Herzog, der durch seine Zusammenarbeit mit Klaus Kinski zu Weltruhm gelangt sei, habe er interviewen dürfen. Rollins spricht von einer Art, Filme zu machen, die es heute nicht mehr gebe. Denn da heutzutage alles Gefährliche am Computer simuliert werde, könne auch niemand mehr bei den Dreharbeiten umkommen. Ein Interview habe Herzog noch zu Ende geführt, obwohl er gerade von einem Attentäter einen Streifschuß abbekam. Auf die Frage an Herzog, wie er damit lebe, dass er in Hollywood immer als Außenseiter galt, soll er geantwortet haben: »Aber die sind doch die Außenseiter«. Das sei sei einfach »fucking cool«, findet Rollins, und Herzog habe ihn beileibe nicht enttäuscht.

Keine Drogen! Bliebe er doch bei Politik und Kultur, aber ihm geht es um alles. Er ist ein mit Tätowierungen übersähter Punkrocker, von der Selbstverachtung getrieben. Spass und Genuss sollen andere erleben. Er isst nicht gerne, er nimmt Nahrung auf oder füttert sich. Disziplin ist ihm wichtig. Er lernte sie in einer Militärakademie.

Auf Tournee bekommt er jedes Jahr die halbe Welt zu sehen. Seine Anhänger beneiden ihn darum. Er hingegen stellt das Reisen und Kennenlernen anderer Kulturen als Kampf gegen die eigene Unzulänglichkeit dar. Er raucht nicht, er trinkt nicht. Schon zu den Zeiten seiner Punk/Hardcore-Formation Black Flag sollte das nicht zum Klischee des klassischen Rockstars passen. Überdies bekennt er sich auch noch zum Free Jazz!

TruppenunterhalterSo sehr er sich selbst auch hassen mag, stets betont er, wie sehr er die Vereinigten Staaten liebt. Er kritisiert sie zwar auch, bemüht sich aber immer wieder um Balance. Im Jahre 2003 klopft die United Service Organizations, eine Organisation zur moralischen Unterstützung der im Ausland stationierten US-Truppen, bei ihm an, und er entschließt sich zur Zusammenarbeit. Rollins reist als Unterhalter nach Afghanistan und in den Irak, wo er die Truppen eines Krieges unterstützt, den er verabscheut. Am Wichtigsten sind ihm die Besuche in Lazaretten, und in seinen Programmen kritisiert er die US-Regierung und ihren Irak-Krieg heftig.