Rui José steht an der Bar. Lässig stützt er sich an der Theke ab und lässt die bodygebildeten Oberarmmuskeln arbeiten. Doch Tom Cruise ist er nicht, und die Moving Bar, sein Arbeitsplatz, ist auch keine angesagte Cocktailbar, sondern das Bordrestaurant des Schnellzugs Köln–Brüssel–Paris, der Symbolverbindung des geeinten Europa. Er ist Portugiese, geboren in Frankreich, nun rollt er durch den Kontinent, verkauft Kaffee, Kaltgetränke und Snacks in sechs Sprachen. »Ein Bier, Monsieur? Möchten Sie Erdnüsse dazu?« Europa? »Ich liebe Europa.« Aber mit Politik, bitte schön, solle man ihn in Ruhe lassen. Die verstopfe nur den Kopf. Finnland. © Christoph Busse

Fusionen, Akquisitionen, Übernahmen, feindlich oder nicht – das ist nicht Rui Josés Welt. Er hat nie die Privilegien eines Tarifvertrages genossen, also hat er auch keine Angst davor, sie zu verlieren. Vor wenigen Jahren galten er und seine Landsleute noch als die Bedrohung aus Südeuropa. Deshalb beobachte er nun die »osteuropäische Bedrohung« mit einer Mischung aus Mitleid und Spott. »Die kommen hierher mit großen Ideen, landen aber auf dem modernen Sklavenmarkt«, sagt er. Das kenne man doch. Hat er selbst schon erlebt. Der Job jetzt ist solide. Das war nicht immer so. Und was kommen wird, weiß er nicht. »Noch bin ich jung und kann hier stehen. Aber in dieser Branche wird man nicht alt.« Die Kaffeemaschine piepst und ruft zur Arbeit. Österreich. © Christoph Busse

Eurobarometer, das europäische Umfrageinstitut, sagt: Die Zustimmung zur EU fällt leicht. Zwar glauben noch immer 50 Prozent aller Europäer, dass die Mitgliedschaft zur EU »eine gute Sache« sei. Allerdings bleiben Arbeitslosigkeit(43 Prozent) und wirtschaftliche Entwicklung (26 Prozent) die größten Sorgen der Europäer. Dänemark. © Christoph Busse

In der ersten Klasse nähert sich der Kaffee auf leisen Rollen. Platzservice. Kaffee oder Tee? Wein, weiß oder rot? Snacks, süß oder salzig? Alles nach Belieben. Alles inklusive, auch die professionelle Freundlichkeit des Personals. Rita Schleicher muss sich nicht selbst bemühen. Man bemüht sich um sie. Und das weiß sie zu schätzen, denn auf dem Klapptisch vor ihr liegt Arbeit, die bis Paris erledigt sein muss. Sie ist Verkaufsleiterin Europa bei einem Versandhandel für Büro- und Betriebsausstattung aus Duisburg. Das Unternehmen agiert weltweit. Noch sei Deutschland ein wichtiger Markt. Um ihren Job macht sie sich keine Gedanken. Die Stimmung im Unternehmen sei gut. Seit 25 Jahren arbeite sie dort, und außerdem hänge sie nicht an Deutschland. Sie fühle sich als Europäerin. Schweiz. © Christoph Busse

Die Briten, so heißt es, seien in wirtschaftlichen Fragen emotionslos, die Franzosen emotionsgeladen. Die Deutschen stehen – mal wieder – irgendwo in der Mitte. »In der Wirtschaft aber muss man emotionslos sein«, sagt Rita Schleicher und sieht dabei nicht ganz glücklich aus. Draußen zieht farblos das Land vorbei. Belgien zeigt seine triste, leicht heruntergekommene Rückseite. Bald kommt Bruxelles Zuid. Polen. © Christoph Busse

Ganz emotionslos gesprochen mag die Liberalisierung der Märkte richtig, mögen die Zusammenschlüsse von Energie- und Chemieunternehmen, von Banken oder anderen hungrigen Marktführern sinnvoll sein. Weil China und Indien drohen und die USA. Und trotzdem. Rita Schleicher, die Managerin, kann die reflexhafte Abwehr der Leute und daher auch der Politik verstehen. Bevor der Kopf sagen könne »Das ist gut so«, springe der Bauch an und schreie »Nein«. Neulich, erzählt sie, habe sie sich ein Fernglas gekauft. Eines von Zeiss. Sie wollte Qualität. Ganz stolz sei sie gewesen, bis ein Bekannter ihr die Freude verdarb. Da habe sie viel zu viel Geld ausgegeben, sagte er ihr. Die Chinesen bauten Ferngläser heute viel besser und viel günstiger als die Deutschen. »Ausgerechnet in der Optik, einer urdeutschen Branche, sind die jetzt schon besser.« Da war er wieder, der Bauch. Tschechien. © Christoph Busse