Weit entfernt vom Tumult auf den Straßen bewegt sich die französische Bloggerszene. Da wird auch heftig diskutiert, allerdings auf eine viel nuanciertere Weise als vor der Sorbonne und in den anderen besetzten Universitäten. Im Internet wird die einseitige Botschaft, die von den Bildern der Proteste vermittelt wird, ein ganzes Land wehre sich gegen die Flexibilisierung des Arbeitsrechts, deutlich relativiert.

Aus ganz unterschiedlichen Gründen werden die Demonstrationen von vielen Bloggern und in vielen Kommentaren im Internet abgelehnt. Nicht aus Überzeugung, dass die von der Regierung geplante Lockerung des Kündigungsschutzes vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene Frankreichs Arbeitslosigkeitsproblem lösen würde. Eher ist es ein virtueller Protest gegen Desinformation und weit verbreitete Vorurteile.

Die Politik des konservativen Premiers Dominique de Villepin hat Verdrossenheit produziert, ja sogar Verzweiflung spricht aus den Blogeinträgen. Verzweiflung allerdings nicht wegen der umstrittenen Reform selbst, von der keiner genau weiß, wie sie sich auf den Arbeitsmarkt auswirken würde, sondern weil jeglicher Versuch, das französische Sozialsystem zu verändern, früher oder später scheitert.

"Die Demokratie wird zur tragischen Farce, wenn Gewerkschaften, die weniger als sechs Prozent der Arbeiter der privaten Wirtschaft repräsentieren, und zukünftige Beamte, die weniger als zehn Prozent der Studenten vertreten, ihre staatliche Vision des gallischen Dorfs durchsetzen wollen", schreibt ein Alain, als Reaktion auf einem Artikel von lemonde.fr . "Kurz zusammengefasst, wir leben in einem der konservativsten Länder, in dem zwei Kräfte zusammenstoßen: Die Trägheit einer Pseudo-Staatsbourgeoisie (die Behörden) und eine wahre wirtschaftliche Bourgeoisie, die noch zwischen dem All-Liberalen und einem humanistischen Liberalismus schwankt", schreibt Peter G.

So stößt man schnell auf das Thema: Ist Frankreich überhaupt reformierbar? "Keine Reform ist in Frankreich möglich. Die Rechte und die Linke streiten, ohne sich um die Interessen des Landes zu kümmern", antwortet Renaud D. "Was die Öffentlichkeit anbelangt: Sie begnügt sich mit kurzfristigen Meinungen und korporatistischen Analysen. Die ‚Jugend’ spricht über etwas, das sie nicht kennt, die Demagogie triumphiert, die Medien fachen das Feuer an."

Die Rechte in Frankreich hat einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber der Jugend. Keine Studenten- oder Arbeitsreform, die sie ins Leben gerufen hat, konnte sie durchsetzen. Villepin versteht sich als der Mann, der dieses Fatum beenden und sich mit seiner Durchsetzungskraft gegenüber der rechten Wählerschaft für die Präsidentenwahl profilieren will. Politisches Kalkül auf Kosten der Nation? "Ein Beispiel mehr für die französischen Regierungsmethoden", kritisiert Michel U. in einem Kommentar zu einem Artikel bei lemonde.fr. "Die Debatte ist seit langem nicht mehr rational und versinkt in Wahlstrategien, weit entfernt von den Interessen des Landes und der Lösung unserer Probleme. Wir sollten unsere deutschen Nachbarn als Beispiel nehmen, die dabei sind, vergleichbare Probleme zu lösen, ohne Wahl- oder personelle Strategien zu verfolgen. Frankreich fehlt es an Staatsmännern."

Auch andere Kommentare und Blogeinträge befassen sich mit dem "Vorbild" Deutschland und beneiden das Nachbarland um die – hierzulande oft bezweifelte – Fähigkeit der Politiker und Sozialpartner, pragmatisch miteinander zu arbeiten, um dem Land zu dienen. Ein Christian M. schreibt: "Die Methode Villepin ist zwar anzweifelbar, die Linke und die Gewerkschaften tragen jedoch eine große Verantwortung in dieser fruchtlosen Aufregung. Und sie enthalten sich, irgendeinen eigenen Vorschlag zu formulieren. Welcher Kontrast zu unseren deutschen Freunden, die viel mutigere Reformen als diesen kleinen CPE zustande bringen."

Ein anderer Aspekt, der hervorgehoben wird, betrifft die Schwierigkeiten der kleinen und mittleren Unternehmen, unter den aktuellen Umständen Mitarbeiter einzustellen und gegebenenfalls wieder loszuwerden. Auch wird – anders als auf der Straße – immer wieder betont, dass sich nicht in jedem Unternehmer unbedingt ein böser Kapitalist verstecke. "Denken wir wirklich, dass ökonomische Akteure wie Arbeitgeber danach streben, Zeit und Geld zu verlieren, indem sie in die Ausbildung investieren, um danach die Arbeitnehmer unbegründet zu entlassen? Denken wir wirklich, dass Arbeitgeber so dumm sind?" schreibt ein Blogger auf Big Bang Blog .

Vielen der Schüler und Studenten ist die Sichtweise der Unternehmer und Arbeitgeber völlig fremd. Deshalb melden sich einige von denen selber in den Blogs zu Wort: "Wir sind keine Ausbeuter. Ich bin ein Arbeitgeber, ich riskiere mein Geld, meine Zeit, ich schaffe Jobs, ich liebe meinen Job, und wie alle meine Mitarbeiter versuche ich, meinen Job so gut wie möglich zu machen. Was die Debatte über den CPE angeht, habe ich den Eindruck, dass wir uns über die Farbe der Tapeten streiten - während das Haus brennt", schreibt ein Paprap.

In der Tat. Frankreich benötigt angesichts einer Arbeitslosquote von ungefähr zwanzig Prozent bei Jugendlichen dringend Änderungen auf dem Arbeitsmarkt. Davon sind auch viele Jugendliche überzeugt, trotz der Proteste und obwohl auch sie sich nach Sicherheit sehnen. Die Lage ist für viele Schul- und Uniabsolventen hoffnungslos, und auch diese Perspektivlosigkeit kommt in den Blogs zum Ausdruck. "Für die Leute meiner Generation, 22 bis 35 Jahre alt, deren Studium noch nicht so lange her ist und die nicht viele Erfahrungen gesammelt haben, könnt ihr euch nicht das Ausmaß der Verzweiflung vorstellen. Es ist eine Generation, die nur die Arbeitslosigkeit kennen gelernt hat. Für die der Pessimismus tief greifend und strukturell ist. Lass uns die Sache von der guten Seite sehen: Was, wenn es klappen würde? Was, wenn (die Arbeitsmarktreform) es erlauben würde, einige Jobs zu schaffen? Ich glaube, dass das wirklich prekäre die aktuelle Arbeitsmarktlage ist. Diese erbarmungslose Wüste", schreibt B’NSO.

Manche Einträge preisen den britischen und amerikanischen Arbeitsmarkt, auch wenn viele andere die Verhältnisse in diesen anglokapitalistischen Ländern ablehnen oder skeptisch sehen. "Fragt Arbeiter in London oder New York. Sie wissen, dass man seinen Job aufgeben kann, weil man dort sicher sein kann, einen anderen innerhalb von zwei Monaten zu finden. Das ist eine Freiheit, die unsere Jugend mit ihren festen Verträgen nicht kennt", schreibt Pierre L., der in New York lebt.  "Ungefähr 500.000 Franzosen haben sich entschieden, in den USA oder in Großbritannien zu leben.(...) Ohne eine politische Führungsfigur, die sich vom Korporatismus löst und vor der Wahl sagt, was sie danach macht und daran festhält, prognostiziere ich, dass sich die Probleme Frankreichs verschlimmern werden", sagt Patrick D.

Viel Pessimismus und Desorientierung spricht also aus den Blogs. Wenn sie die wahre Stimmungslage in der französischen Jugend widerspiegeln oder zumindest einen anderen Teil repräsentieren als den, der derzeit die Öffentlichkeit bestimmt, dann ist kaum davon auszugehen, dass die Probleme verschwinden, wenn die Regierung in Paris den Gesetzentwurf zurücknehmen sollte. Denn für die französische Jugend ohne Perspektive wäre damit gar nichts gewonnen.