Sie war Dostojewskis letzte Hoffnung – die ehrgeizige 20-jährige Stenographin Anna Snitkina, die am 3. Oktober 1866 die St. Petersburger Wohnung des 45-jährigen Schriftstellers aufsuchte. Kurz zuvor hatte sich Dostojewski auf einen Knebelvertrag mit dem Verleger F.T. Stellowski eingelassen, der ihn verpflichtete, bis zum 1. November einen neuen Roman zu liefern. Bei Nichteinhaltung der Frist würden die Rechte an allen seinen neuen Werken für die nächsten neun Jahre dem Verleger zufallen. Dostojewski blieb nur noch ein Monat Zeit. Der neue Roman war noch nicht einmal begonnen. Anna Grigorjewna Snitkina gehörte zu der ersten Frauengeneration in Russland, die eine systematische Gymnasialausbildung genossen hatte. Darüber hinaus erlernte sie einen Beruf: Sie war die beste Schülerin des damals auch in Deutschland bekannten Stenographie-Theoretikers P.M. Olchins. An ihn wandte sich Dostojewski in seiner Not. 30 Rubel konnte eine Stenographin bei ihm verdienen, wenn sie es schaffte, sein neues Werk Der Spieler fristgerecht zu Papier zu bringen.In ihrem Tagebuch erinnerte sich Anna Grigorjewna später an diese einmalige Gelegenheit, die sie sofort ergriffen hatte: "Mein ganzes Leben lang hatte ich nur diesen leidenschaftlichen Wusch, mein eigenes Brot zu verdienen und meiner Familie nicht zur Last zu fallen, sondern ihr nützlich zu sein, auf eigenen Beinen zu stehen und im Notfall selbst das Geld besorgen zu können. Jetzt werde ich meiner Mutter helfen. Was war das für eine reine Freude!"Doch zunächst sollte alles ganz anders kommen. Im April 1867 schrieb Dostojewski: "Zum Ende des Romans merkte ich, dass meine Stenographin mich aufrichtig liebte, obwohl sie nie ein Wort darüber verloren hatte, und mir gefiel sie auch immer mehr. Da mein Leben nach dem Tod meines Bruders schrecklich langweilig und mühsam geworden war, habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie willigte ein und nun sind wir verlobt."Mit dieser Heirat stellte sich Anna Grigorjewna hingebungsvoll dem launischen Gemüt des berühmten Literaten, seinen gesundheitlichen Problemen – Dostojewski war Epileptiker – sowie seiner äußerst schwierigen finanziellen Lage. Schon sehr bald sah sie sich gezwungen, einen Teil ihres Familienbesitzes zu versetzen, um die Schulden ihres Mannes zu begleichen. Damit sollte auch ihr gemeinsamer Auslandsaufenthalt – ihre Hochzeitsreise, ihre Flucht vor den Gläubigern – finanziert werden.Oftmals unterhalb der Armutsgrenze lebten sie in Dresden, Berlin, Frankfurt, Basel und Genf. Doch am härtesten war die Zeit in Baden-Baden im Sommer 1867, wo die junge Frau die krankhafte Spielsucht ihres Mannes am eigenen Leibe zu spüren bekam. Sie verpfändeten ihre Kleidung und die Wertsachen – bis auf die Trauringe. In ihren Tagebüchern hielt Anna Grigorjewna jedes Auf und Ab in ihrer Kurzschrift detailgetreu fest: "Wir haben keinen Zucker mehr, und ich hatte heute morgen keinen Tee. [...] Wir sagten uns, wie wir uns später einmal an all das erinnern würden: Die schreckliche Hitze, die schreienden Kinder der Wirtin, die Schmiede mit ihren Hämmern, die den ganzen Tag unbarmherzig schallen, und keinen Sou, all unser Eigentum versetzt und wahrscheinlich verloren, muffige Räume, Glockengeläut, kein Buch zum Lesen und die Aussicht, nichts zu essen zu haben."Erst 1894, schon nach dem Tod ihres Mannes, machte sich Dostojewskaja daran, ihre Tagebücher zu entziffern. Mit längeren Unterbrechungen führte sie diese Arbeit fort, bis sie sie 1912 aufgab. Der bis dahin entschlüsselte Teil der Aufzeichnungen umfasste die Zeit von Mitte April bis Mitte August 1867 und wurde 1923 herausgegeben. Der Rest – die in der Genfer Zeit von September bis Dezember 1867 geführten Notizen – konnte erst Jahrzehnte später entschlüsselt werden. Aber auch der erste Teil musste mit den Originalen verglichen werden, weil Dostojewskaja bei der Entschlüsselung viele Änderungen vorgenommen hatte. Das Tagebuch wurde erneut 1993 veröffentlicht.Als Ende der 1970er Jahre eine jener raren alten Ausgaben dem sowjetischen Pathologen und leidenschaftlichen Dostojewski-Freizeitforscher Leonid Zypkin in die Hände fiel, muss es für ihn eine Offenbarung gewesen sein. Schon immer las er viel von und über Dostojewski, fotografierte Orte und Häuser, in denen der Schriftsteller gewohnt hatte und die ihm als Modelle für seine literarischen Welten dienten. Aber zum ersten Mal sah Zypkin solch ein aufrichtiges Zeugnis eines Lebensabschnitts Dostojewskis: das tägliche und unmittelbare Einfangen der damaligen Geschehnisse, geschrieben von einer unerfahrenen jungen Frau. Wegen ihrer stenografischen Schrift waren die Einträge für niemand anderen zugänglich, auch nicht für ihren Mann; und deshalb voll von unbefangenen und manchmal etwas naiven Erzählungen über ihn, über seine Spielsucht und seine häufigen Stimmungswechsel. Ihren Beobachtungen fehlte jedoch der psychologische Tiefgang; die Motive der Handlungen Dostojewskis blieben der Zwanzigjährigen meist verborgen. Wahrscheinlich war es der geschulte Blick eines Mediziners, der Zypkin nicht nur die Symptome sondern auch die Ursachen ergründen ließ. Zwischen 1977 und 1980 schrieb er das wunderbare Buch Dostojewski lieben , das kürzlich mit dem Titel Ein Sommer in Baden-Baden auf Deutsch erschienen ist, in dem Dostojewski als Mensch im Mittelpunkt steht. Dabei ist es weit entfernt von einer sachlichen psychologischen Studie. Vielmehr ist es ist ein poetisches Seelenportrait des Schriftstellers - voller Metaphern, literarischer Anspielungen und Assoziationen. Zypkins Phantasie bedient sich einiger Beschreibungen aus dem Tagebuch und verwandelt sie in traumähnliche, manchmal auch skurrile Szenen. So entstehen beispielsweise bewegende kraftvolle Bilder vom Schwimmen – Metapher für das spätabendliche Abschiednehmen des Paares, das im Tagebuch häufig erwähnt wird. Meistens bleibt Dostojewski dann hinter seiner Frau zurück, weil seine Anja zu viel über ihn lacht, weil der Kellner ihm nicht genügend Beachtung schenkt, weil Turgenjew ihm seine Freundschaft verwehrt – all die tagtäglichen "Visionen seiner verletzten Eigenliebe".Dieser Roman ist wie ein Fluss mit einer sehr eigenwilligen Strömung. Mal treibt sie uns zum einen Ufer, und wir sehen die Dostojewskis in Baden-Baden die Lichtenthaler Allee entlang flanieren; mal zeigt sie uns das Newa-Ufer Ende der 1970er Jahre. Dann bringt sie uns zusammen mit Dostojewski in ein sibirisches Straflager und schließlich wieder zurück in das 20. Jahrhundert, in die Zeit der Verbannung Solschenizyns ins Ausland. Und immer so fort, getragen von der klaren und ausdrucksvollen Sprache - auch in der Übersetzung von Alfred Frank - rastlos, ohne Punkt und Komma.Einem Spürhund ähnlich drängt sich der unruhige Erzählstrom in jede noch so entlegene und verborgene Ecke des Dostojewski-Universums, um endlich die Antwort auf die Frage zu finden, die Zypkin als Juden sein ganzes Leben lang beschäftigt hat: Warum Dostojewski, der "in seinen Romanen solche Sensibilität menschlichem Leid gegenüber beweist, … nicht ein Wort der Verteidigung oder der Rechtfertigung für Menschen gefunden hat, die jahrtausendlanger Verfolgungen ausgesetzt sind – war er so blind, hat ihn womöglich der Haß blind gemacht?" Die Beschäftigung mit den Tagebüchern erlaubte Zypkin, den Antisemitismus Dostojewskis aus dessen Schwächen und Komplexen zu erklären.Solch ein "respektloser" Umgang mit dem großen russischen Schriftsteller machte die Veröffentlichung des Romans in der Sowjetunion unmöglich. Zypkin wusste es und schrieb für die Schublade, für sich selbst, für die Literatur. 1982 war es einem mit ihm befreundeten Journalisten jedoch gelungen, das Buch aus der Sowjetunion herauszuschmuggeln und in Amerika in einer Zeitung für russische Emigranten unterzubringen. Es wurde auch ins Deutsche übersetzt, blieb aber weitgehend unbemerkt. Sein zweites Leben verdankt es einem Zufall: Vor circa 10 Jahren stieß Susan Sontag beim Stöbern in einem Londoner Buchladen auf das abgegriffene Buch des unbekannten russischen Autors, las es und bezeichnete es als eines der schönsten, anregendsten und originellsten literarischen Werke des Jahrhunderts. Und sie hatte Recht. Wenn auch erst zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Autors. Leonid Zypkin: "Ein Sommer in Baden-Baden". Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Alfred Frank. Mit einem Vorwort von Susan Sontag. Berlin Verlag, Berlin 2006. 238 S., 22,-€.
A. G. Dostojewskaja "Dnewnik 1867 goda" (Tagebuch von 1867). Nauka Verlag, Moskau 1993. B.