Ein Sturm der Zuwanderer auf die feste Burg Deutschland? Die Debatte um Fragebögen für Zuwanderer erweckt den Eindruck, als würden die Ausländer nur so Schlange stehen, um endlich Deutsche zu werden. Hessens Fachleute für Eindeutschung verlangen von ihnen, aus dem Stand drei deutsche Mittelgebirge aufzählen zu können. Auf deren Kämmen scheint sich deutsch von nichtdeutsch zu trennen.

Tatsächlich aber wirkt das Fragebogengeraschel eigenartig gestrig. Längst nämlich drängt sich die Frage auf, warum sich von den über 2,6 Millionen Migranten mit türkischem Hintergrund in Deutschland nur ein knappes Drittel durchringen konnte, den deutschen Pass anzunehmen? Dazu passt die zweite Frage, warum denn eine wachsende Zahl von jungen, gut ausgebildeten Deutschtürken neuerdings in die Türkei zieht? Nicht in das anatolische Dorf des seligen Großvaters, sondern in die boomenden Metropolen des türkischen Westens.

Antworten auf diese und ähnliche Fragen finden sich in einer Studie, welche die Hamburger Körber-Stiftung beim Institut für Demoskopie Allensbach in Auftrag gegeben hat. Ihr Reiz liegt darin, dass sie die Stimmungen in beiden Ländern vergleicht. Die Körber-Stiftung versammelte Ende der Woche Politiker, Wissenschaftler und Journalisten aus der Türkei und Deutschland, um über die Ergebnisse zu diskutieren.

Die Türken sind in jüngerer Zeit deutlich optimistischer als früher und heben sich damit von den meist dunkelgrau bis schwarz sehenden Deutschen ab. Knapp die Hälfte aller Türken glaubt, die positiven Veränderungen in ihrem Land würden überwiegen, während sich nur 16 Prozent der Deutschen zu der gleichen Aussage durchringen können, 58 Prozent aber der Meinung sind, die Dinge hätten sich zum Schlechteren entwickelt. Auch sind mehr Deutsche als Türken der Ansicht, dass sich alles rasend schnell verändern würde - obgleich die Türkei in der Realität größere Veränderungen durchlebt als Deutschland.

Die Gründe dafür seien in der wirtschaftlichen Lage zu finden, bemerkten die meisten Teilnehmer der Körber-Tagung. Viele Deutsche sähen sich als Verlierer der Globalisierung, der EU-Osterweiterung, des Umbaus der Weltwirtschaft. Auch wenn Türken nicht weniger Angst vor Arbeitslosigkeit haben müssten als Deutsche (China produziert billiger als Anatolien!), würden viele Türken aus jährlichen Wachstumsraten von bis zu 10 Prozent Selbstbewusstsein und Zuversicht ziehen. Das belegt die Umfrage: Nur 47 Prozent der Türken fürchten, ihren Job zu verlieren - im Kontrast zu einer großen Mehrheit der Deutschen von 71 Prozent.

Schutz vor Veränderungen suchen beide Völker beim Staat, auffällig ist allerdings, dass die Deutschen an ihren Staat die weitaus größeren Ansprüche stellen. Der Aufschwung? Staatsangelegenheit, sagen 82 Prozent der Deutschen, aber nur 62 Prozent der Türken. Arbeitsplätze? Die Regierung ist verantwortlich, meinen 82 Prozent der Deutschen im Vergleich zu 57 Prozent der Türken. Absicherung bei Krankheit? Ein Fall für die Behörden, sagen 74 Prozent der Deutschen, aber nur die Hälfte der Türken. Selbst dass die Preise in der Marktwirtschaft nicht steigen, halten 65 Prozent der Deutschen für eine Staatsaufgabe im Vergleich zu 48 Prozent der Türken. Auf die Frage schließlich, ob ihnen der Staat denn sympathisch ist, waren 40 Prozent der Deutschen unentschieden, nur 37 Prozent bejahten, 23 Prozent verneinten. 65 Prozent der Türken hingegen finden ihren Staat ziemlich sympathisch, nur 24 Prozent unsympathisch. Fazit: Wer weniger vom Staat erwartet, fühlt sich auch nicht so stark von ihm enttäuscht.