In Stanislaw Lems wohl bekanntestem Roman Solaris findet sich der prophetische Satz: "Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel." Spiegel? Und das schreibt ausgerechnet der wohl begnadetste Schöpfer neuer Welten, der Erfinder und unbestrittene Meister der Gattung Science fiction ? Ja doch, dem am Montag im Alter von 84 Jahren verstorbenen Lem ging es stets um mehr als nur darum, die Grenzen des menschlichen Vorstellungsvermögens zu erweitern. In seinen klugen Entwürfen technischer Zukünfte hielt der studierte Mediziner der Gattung Mensch auch immer den Spiegel vor. Indem er die wissenschaftlichen Möglichkeiten bis zum Äußersten (und darüber hinaus) trieb, erforschte er letztlich die menschliche Psyche und ihr Verhalten in Extremsituationen.

Was etwa entdecken die Astronauten Kelvin, Snaut und Sartorius am Ende ihrer Expedition zu dem rätselhaften Planeten Solaris? Ihre eigenen Gedanken, den verdrängten Gehalt ihrer Gehirne, den der intelligente Planet zum Leben erweckt. Geschrieben hat Lem das Buch 1961, doch heute ist es so aktuell wie eh und je. Man könnte es geradezu als Parabel auf die moderne Hirnforschung lesen. Denn der Versuch, im Kernspintomografen das Funktionieren des Geistes zu enträtseln, verläuft ähnlich wie die Erforschung von Solaris. Ganze Bibliotheken füllen sich zunächst mit Befunden und Theorien, ohne dass die Wissenschaftler dem Wesen dieses seltsamen "Geistes" näher kommen. Und als die Kontaktaufnahme schließlich gelingt – im Roman dadurch, dass die Solaris-Forscher den Planeten-Ozean mit harter Röntgenstrahlung beschießen – "antwortet" dieser, indem er seinerseits die Wissenschaftlerhirne erforscht und verdrängte, abgekapselte Strukturen materialisiert. "Wir haben ihn, diesen Kontakt", entsetzt sich der Astronaut Snaut und sieht doch nur: "Unsere eigene, monströse Hässlichkeit, ins Riesenhafte vergrößert wie unter einem Mikroskop."

Was spiegelt uns die Hirnforschung anderes wider als unsere eigenen Hoffnungen und Ängste, "ins Riesenhafte vergrößert"? Die Frage etwa, ob wir uns einen freien Willen zuschreiben oder uns für die Marionetten unserer Neuronen halten, ist keine neurobiologische, sondern letztlich eine Frage nach unserem Verständnis des Menschen und dem sozialen Umgang miteinander. Auch ethische Dilemmata wie die Hirntod-Definition oder der Kampf um das Sterben von Koma-Patienten fördern letztlich nur – "wie unter dem Mikroskop" – das zutage, was wir gernstens verdrängen würden.

Diese Doppelbödigkeit kennzeichnet nahezu alle Werke von Stanislaw Lem, der am 12. September 1921 im heute ukrainischen Lviv (Lemberg) geboren wurde, und den Zeit seines Lebens ein unstillbarer Wissensdurst antrieb. Neben der Medizin interessierte er sich (unter anderem) für Physik, Kybernetik, Biologie, Mathematik und Philosophie, war zwischenzeitlich als Übersetzer, Autoschlosser und Monteur tätig, gründete die polnische Astronautische Gesellschaft, arbeitete als Assistent für angewandte Psychologie und schrieb 1946 seinen ersten Science-Fiction-Roman, der bald in Vergessenheit und erst 1989 unter dem Titel Der Mensch vom Mars neu aufgelegt wurde. Schon darin werden die typischen Lemschen Themen angesprochen: Der schockierende Einbruch des Unbekannten, der Versuch, dieses Geheimnis mit avancierter Technologie zu erforschen – und am Ende das Scheitern der Wissenschaft und das Zurückgeworfen-Werden der handelnden Personen auf ihre Ängste, ihren Ehrgeiz oder ihre Hoffnungen.

In 57 Sprachen wurde Lems gewaltiges Werk übersetzt. Seine zahlreichen Bücher sind in einer Auflage von über 45 Millionen weltweit erschienen, die Verfilmung von Solaris wurde zum Welterfolg. Doch nicht dieser kommerzielle Erfolg macht Lems Faszination aus, sondern die Tatsache, dass er unzählige technische Entwicklungen vorweggenommen hat, die Gentechnik, die Nanotechnologie, das World Wide Web und den information overload , der uns heute allenthalben zu schaffen macht. Und in Der futurologische Kongress beschrieb er 1974 die Manipulierbarkeit unserer Wahrnehmung und die Fragilität der so genannten Wirklichkeit auf derart beklemmende Weise, dass der Kassenschlager Matrix (der dasselbe Thema behandelt), dagegen wie ein plumper Abklatsch wirkt.

Eine Art modernen Jules Verne des Bio-, Nano-, Infozeitalters könnte man Lem nennen, einen Pionier, der im Alter zunehmend pessimistisch auf jene technische Zivilisation blickte, die er selbst so exzellent vorweggenommen hatte. Vermutlich wird Lems wahres Genie – wie jenes von Jules Verne – erst aus der Rückschau richtig sichtbar. Die prophetische Kraft des polnischen Visionärs werden wohl erst jene Generationen würdigen können, die inmitten seiner wissenschaftlichen Zukunftsentwürfe leben.