Gewalt ohne Ziel

Szenen wie auf dem Tiananmen-Platz? Als CNN am Dienstagabend das Programm unterbrach und aktuelle Schlachtszenen von der Place de la République zeigte, verglich die Moderatorin die Lage in Paris mit der blutigen Niederschlagung der Studentenproteste in Peking 1989. Das war selbst für Chris Burns, den Pariser CNN-Korrespondenten, eine Drehung zu viel. Er hatte die Bilder vom nationalen Streiktag in Frankreich gegen die Reform des Kündigungsschutzes gedreht, die neben den friedlichen Aufmärschen von etwa zwei Millionen Franzosen auch die Prügeleien jugendlicher " casseurs " zeigten, die am Abend einige Versammlungen aufzumischen versuchten.

Schon bei den Vorstadt-Krawallen im November hatten CNN und Fox-TV mit Kriegsparolen wie " Paris burning " den Eindruck erweckt, ganz Frankreich stehe in Flammen. Doch diesmal bewies der verantwortliche Reporter Courage: Als am Mittwochmorgen der französische Außenminister Philippe Douste-Blazy im Quai d’Orsay ausländische Journalisten zur Lagebesprechung geladen hatte, bat Chris Burns in aller Form um Entschuldigung: "Wir haben eine sehr differenzierte Reportage über die Demonstration gedreht – die Ansage aus dem Studio tut uns leid." Der Außenminister nahm die Entschuldigung mit gesenktem Kopf an, die internationalen Korrespondenten waren verblüfft über die Offenheit ihres Kollegen.

Zwar hatte die französische Polizei beim jüngsten Streiktag mit aller Kraft versucht, die ultrabrutalen Gewalttäter von der Masse der friedlichen Demonstranten fernzuhalten. Und die auf Deeskalation zielende Strategie der harten CRS-Bürgerkriegspolizei wurde sogar weithin gelobt. Doch die Bilanz von 500 festgenommenen Randalierern und Dutzenden Verletzten allein am Dienstag zeigt, dass die seit alters " mouvement social " genannten Protestaktionen eine neue, beunruhigende Entwicklung nehmen.

Bislang verlief die Frontlinie zwischen Demonstranten und der Polizei. Neuerdings greifen dick vermummte Jugendliche in Kapuzenshirts nicht nur die Sicherheitskräfte, sondern auch die Demonstranten an. Seit den ersten Ausschreitungen der vergangenen Woche, als auf der Esplanade des Invalides über tausend Randalierer auf Schüler und Studenten losgingen, wächst die Angst. Auch wenn die verprügelten Opfer mit Schuldzuweisungen vorsichtig sind, bleibt ihr Verdacht unabweisbar: Es sind überwiegend Jugendliche mit Immigrationshintergrund, die aus den Banlieues in die Städte strömen, um Bürgerkinder zu verprügeln.

Der Le Monde -Reporter Luc Bronner hatte vergangene Woche einen Schlägertrupp verfolgt, der von Bobigny im Norden von Paris mit der Linie 5 direkt zur Demo an der Place d’Italie fuhr. "Sie hielten ihren gesamten Waggon besetzt und grölten herum, um Einsteigende abzuschrecken." Viele hätten sich gefreut, auf ihre Opfer zu treffen - "auf diese kleinen Typen, die Geld haben und nicht zuschlagen können." In ihren Rucksäcken trugen sie Ersatz-Kleidung, um beim Abzug schnell die Kluft zu wechseln - als Schutz vor der Identifizierung auf Polizeivideos. Im Chaos der Jagdszenen am Ende der Demo verlor der Reporter die Gruppe schließlich aus den Augen. Aber er ist sich sicher: "Mit den Protestaktionen gegen die Reform des Arbeitsrechts hatten die nichts zu tun."

Die Politiker in den Banlieues sind hoch alarmiert. Yves Jégo, Bürgermeister von Montereau (Seine-et-Marne), warnt: "Die November-Krawalle sind noch längst nicht erloschen, der kleinste Funken reicht, dass sie wieder aufflammen. Die Randalierer suchen nur einen Vorwand, um wieder loszulegen. Sie sind eine winzige Minderheit, aber ultrabrutal."

Gewalt ohne Ziel

Nachdem die " casseurs " vergangene Woche bereits in Saint-Denis mehrere Geschäfte in der zentralen Einkaufsstraße demolierten, bevor sie nach Paris zogen, spricht der kommunistische Bürgermeister Didier Paillard bereits von "Terrorismus": "Das ist schlimmer als im November. Damals richtet sich die Gewalt gegen die Polizei. Jetzt ist sie völlig unkalkulierbar geworden." Auch die CRS spricht von einer neuen "Stadtguerilla", Gewerkschaften wie Jugendorganisationen reagieren mit eigenen Ordnertrupps, die am Dienstag heftig mit den " casseurs " zusammenprallten.

Über die Motive der Randalierer lässt sich nur spekulieren. Nach den nächtlichen Kämpfen in den Banlieues im Herbst ziehen sie nun tagsüber in die Zentren. Statt Klassenkampf treibt sie die reine Zerstörungswut. Man kann ihnen kaum das Kalkül unterstellen, dass sie die Schüler und Studenten deswegen angreifen, weil die eine Reform blockieren, die eigentlich Schulabbrechern und Immigrantenkindern zugedacht war.

Die neuen Gewalttäter - die sicherlich nur einen Bruchteil der Vorstadt-Jugend ausmachen - sind mit Gesetzen und Appellen nicht mehr zu erreichen. Vielmehr vermischen sich bei ihnen Bandenkriminalität, Sozialneid und blinde Aggression. Zwischen ihnen und den Studentenaktionen liegen Welten. Die Proteste der Schüler und Studenten stoßen auf landesweite Unterstützung, der Aufstand der Banlieues wurde dagegen weithin mit Unverständnis, Entsetzen und massiven Polizeiaktionen beantwortet. Jetzt holen sich die Randalierer auf eigene Faust ihren Anteil am nationalen Empörungspotenzial.

Bislang war es ein traditionelles französisches Gesellschaftsspiel, dass das Volk auf der Straße die Regierungskontrolle übernimmt, wenn die Politik nicht die gewünschten Reaktionen zeigt. Jetzt mischt sich eine winzige Minderheit ein, die bei diesem Kräftemessen bislang völlig übergangen wurde. Zwar hat Paris nicht einmal entfernte Ähnlichkeit mit Peking. Doch der Demonstrationsfrieden ist nachhaltig gestört. Denn die Franzosen merken, dass sie bei ihren sterilen Protestritualen nicht länger unter sich bleiben.