Nachdem die " casseurs " vergangene Woche bereits in Saint-Denis mehrere Geschäfte in der zentralen Einkaufsstraße demolierten, bevor sie nach Paris zogen, spricht der kommunistische Bürgermeister Didier Paillard bereits von "Terrorismus": "Das ist schlimmer als im November. Damals richtet sich die Gewalt gegen die Polizei. Jetzt ist sie völlig unkalkulierbar geworden." Auch die CRS spricht von einer neuen "Stadtguerilla", Gewerkschaften wie Jugendorganisationen reagieren mit eigenen Ordnertrupps, die am Dienstag heftig mit den " casseurs " zusammenprallten.

Über die Motive der Randalierer lässt sich nur spekulieren. Nach den nächtlichen Kämpfen in den Banlieues im Herbst ziehen sie nun tagsüber in die Zentren. Statt Klassenkampf treibt sie die reine Zerstörungswut. Man kann ihnen kaum das Kalkül unterstellen, dass sie die Schüler und Studenten deswegen angreifen, weil die eine Reform blockieren, die eigentlich Schulabbrechern und Immigrantenkindern zugedacht war.

Die neuen Gewalttäter - die sicherlich nur einen Bruchteil der Vorstadt-Jugend ausmachen - sind mit Gesetzen und Appellen nicht mehr zu erreichen. Vielmehr vermischen sich bei ihnen Bandenkriminalität, Sozialneid und blinde Aggression. Zwischen ihnen und den Studentenaktionen liegen Welten. Die Proteste der Schüler und Studenten stoßen auf landesweite Unterstützung, der Aufstand der Banlieues wurde dagegen weithin mit Unverständnis, Entsetzen und massiven Polizeiaktionen beantwortet. Jetzt holen sich die Randalierer auf eigene Faust ihren Anteil am nationalen Empörungspotenzial.

Bislang war es ein traditionelles französisches Gesellschaftsspiel, dass das Volk auf der Straße die Regierungskontrolle übernimmt, wenn die Politik nicht die gewünschten Reaktionen zeigt. Jetzt mischt sich eine winzige Minderheit ein, die bei diesem Kräftemessen bislang völlig übergangen wurde. Zwar hat Paris nicht einmal entfernte Ähnlichkeit mit Peking. Doch der Demonstrationsfrieden ist nachhaltig gestört. Denn die Franzosen merken, dass sie bei ihren sterilen Protestritualen nicht länger unter sich bleiben.