Manche Sozialdemokraten empfanden gleichwohl die Vorstellung einer schwarz-roten Koalition unter Kiesinger als widernatürliche Unzucht. Auch Willy Brandt als Parteivorsitzender war sehr zögerlich, er war damals der weithin anerkannte Regierende Bürgermeister von West-Berlin. Schließlich hat der schon todkranke Fraktionsvorsitzende Fritz Erler den Ausschlag gegeben; das Hauptverdienst am Zustandekommen der Großen Koalition hatte aber Herbert Wehner. Er hatte seit seiner großen außenpolitischen Bundestagsrede vom 30. Juni 1960 darauf hingearbeitet; er wollte vor allem dem Volk die Regierungsfähigkeit unserer Partei vor Augen führen.

Die Koalitionsverhandlungen gingen 1966 zügig voran; wir einigten uns schnell auf die Hauptaufgaben. Aber einen förmlichen Koalitionsvertrag haben wir nicht geschlossen. Auch später – Willy Brandt hat zwei, ich habe sogar drei Koalitionsregierungen gebildet – haben wir keine Koalitionsverträge geschlossen. Euer heutiger Koalitionsvertrag mit seinen 142 Seiten plus Anhang kommt mir als ein monströses Stichwort-Verzeichnis vor. Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn im Laufe der nächsten Jahre ganz andere Punkte entscheidend wichtig werden.

Aber: Neben den Hauptaufgaben wurden damals, ebenso bedeutsam, die wichtigsten Stellenbesetzungen entschieden. Dafür hat Carlo Schmid das Wort vom „Kröten schlucken“ geprägt. Wir Sozis mussten die Kröten Strauß und Kiesinger schlucken (der letztere immerhin ein ehemaliges Mitglied der NSDAP), die Schwarzen mussten Wehner und Heinemann als Minister schlucken (ein ehemaliger Kommunist und ein ehemaliger, später aber abtrünniger Gefolgsmann von Adenauer).

1.) Die erste Hauptaufgabe, nämlich die Überwindung der wirtschaftlichen Rezession, ist damals dem unerwartet gut kooperierenden Gespann Schiller/Strauß (als Wirtschafts- und als Finanzminister) sehr schnell gelungen. Allerdings hat es sich um eine nationale, nicht um eine europaweite oder gar weltweite Wirtschaftsflaute gehandelt. Und die deutsche Volkswirtschaft war weitgehend noch eine Binnenwirtschaft: Wir hatten immer noch Devisenbewirtschaftung und feste Wechselkurse. Schon im Herbst 1968 hatten Plisch und Plum praktisch die Vollbeschäftigung erreicht – ein großer Erfolg. Die heutige Wirtschaftslage ist absolut unvergleichbar mit 1966. Sie ist unendlich viel komplizierter!

2.) Die zweite Hauptaufgabe damals war die Abschaffung der bislang den alliierten Siegermächten vorbehaltenen Rechte zum Eingriff in die deutsche Innenpolitik, Stichwort: Notstandsgesetzgebung. Das Grundgesetz von 1949 hatte für einen denkbaren Notstand keinerlei Vorsorge getroffen; ein Notstand blieb laut Vertrag Sache der Besatzungsmächte. Aber ein Eingreifen der Besatzungsmächte hätte zusätzlich chaotische Zustände auslösen können. Die bisherigen Bundesregierungen hatten zwar Entwürfe vorbereitet, waren aber zu keiner Entscheidung gelangt. Auf sozialdemokratischer Seite herrschte tiefe Skepsis vor; einige glaubten, am Horizont schon eine „Wiederkehr des Faschismus“ zu erkennen. Immerhin haben wir aber bei Bildung der Großen Koalition prinzipiell einer Verfassungsergänzung für Notstände zugestimmt.

Der parlamentarische Prozess erwies sich dann als politisch äußerst schwierig, zumal er zeitlich zusammentraf mit dem Herüberschwappen der Studentenunruhen von USA nach Frankreich und dann von Paris nach Frankfurt, Berlin usw. 1968 war das Jahr, in dem Staatspräsident de Gaulle in Baden-Baden bei dem General Massu Sukkurs suchen musste. Es war bei uns in Deutschland das Jahr der Entstehung der sogenannten APO (Außerparlamentarische Opposition). Die Aufregung der Linken schwappte bis ins bürgerliche Lager hinein – und bis in die Gewerkschaften. In einigen der deutschen Gewerkschaftszentralen bildeten sich einige ein, zur großen Politik berufen zu sein. Insgesamt war es eine psychologische Lage, die derjenigen des Herbstes 2005 und des folgenden Winters mit der Entstehung von Lafontaines Linkspartei ähnlich gewesen ist – mit entsprechenden Rückwirkungen in die eigene Fraktion hinein.

Wir haben damals in endlosen Diskussionen jeden einzelnen Paragraphen der Regierungsvorlage auseinander genommen, revidiert, ergänzt, entschärft und wieder zusammengesetzt. In der CDU/CSU-Fraktion gab es eine vergleichbare Prozedur. Niemals vorher haben einzelne tüchtige und couragierte Abgeordnete einen stärkeren Einfluss auf eine wichtige Gesetzgebung ausgeübt! Zwischendurch mussten die beiden Fraktionsvorsitzenden viele Male dafür sorgen, dass die neugefundenen Texte in einander passten und dass sie für beide Seiten akzeptabel waren; Barzel und Schmidt haben dabei absolute Offenheit und Ehrlichkeit praktiziert – vielleicht liegt darin eine Lehre für heute und morgen.

Im Ergebnis haben die Linken in der Fraktion auf diese Weise damals einen erheblichen Einfluss ausüben können; einige blieben gleichwohl in der Schlussabstimmung beim Nein – aber sie haben den Fraktionsvorsitzenden beauftragt, im Plenum auch ihre Motive und Beweggründe vorzutragen. So ist es geschehen. Sodann gab es im Plenum eine Zwei-Drittel-Mehrheit für die Notstandsergänzung des Grundgesetzes. Die Alliierten haben sodann auf ihre Eingriffsrechte verzichtet. Die Große Koalition hatte damit ihre zweite Hauptaufgabe gelöst. Tatsächlich sind die Notstandsartikel sodann in vier Jahrzehnten nicht ein einziges Mal gebraucht worden. Und all das Faschismus-Geschrei hat sich als Unfug erwiesen.

3.) Die dritte Hauptaufgabe dagegen blieb damals unerledigt: das Mehrheitswahlrecht kam nicht zustande. Bei uns hatte von vornherein große Zurückhaltung vorgeherrscht, wir hatten dies schon in der Debatte zur ersten Regierungserklärung der Großen Koalition deutlich zum Ausdruck gebracht. Ein verdeckt bleibendes Motiv war die Besorgnis um ihre Wiederwahl bei denjenigen Mitgliedern, die nicht im Wahlkreis, sondern kraft Landesliste gewählt waren. Offen ausgesprochen wurde dagegen das Argument der Ungerechtigkeit, dass beim Mehrheitswahlrecht – ein Mandat pro Wahlkreis und darüber hinaus nichts – die Minderheitsstimmen in jedem Wahlkreis unter den Tisch fielen. In der CDU/CSU-Fraktion war die Lage ähnlich. Und insgeheim gab es auf beiden Seiten das Motiv, jedenfalls die FDP durch das bisherige Verhältniswahlrecht am Leben zu lassen, weil man auf eine spätere Koalition mit der FDP spekulierte.