Aus großem Abstand muss ich persönlich immer noch bedauern, dass wir beim Verhältniswahlrecht geblieben sind. Denn inzwischen hat das Verhältniswahlrecht uns sogar fünf Fraktionen beschert; das heißt: Wir sind beinahe wieder da, wo wir 1949 angefangen haben.

4.) Außen- und sicherheitspolitisch ist die Große Koalition nicht sonderlich erfolgreich gewesen. Die ostpolitische Öffnung, die Brandt, Wehner und ich befürworteten, scheiterte an den Beharrungskräften in der CDU/CSU. Kiesinger konnte sich zur Überwindung der Hallstein-Doktrin nicht durchringen. Er wollte auch dem Atomwaffen-Nichtverbreitungs-Vertrag nicht beitreten. Willy Brandt war deshalb so zornig, dass er von Rücktritt sprach. Kiesinger und Brandt redeten jetzt nur noch sehr ungern miteinander.

Zu lernen ist: In jedweder Koalition schrumpft die Richtliniengewalt des Kanzlers weit unter ihr verfassungstheoretisch gegebenes Maß. In der damaligen Großen Koalition hat Kiesinger sie einmal, nämlich in der Nicht-Verbreitungsfrage, angewandt – und zwar nur de facto, nicht förmlich. Bei einem zweiten Mal wäre die Koalition geplatzt.

5.) Innenpolitisch hat die Große Koalition übrigens zwei Gesetze zustande gebracht, die ich heute – aus dem Abstand von fast 40 Jahren – mit großer Skepsis betrachte. Die damals ins Grundgesetz neu eingefügten drei sogenannten Gemeinschaftsaufgaben halte ich heute sogar für einen eindeutigen Fehltritt. Die dadurch dem Bund zugefallene Kompetenz zur Entscheidung von Projekten, zur Finanzierung oder zur Rahmengesetzgebung hat zu einem für die wählenden Bürger nahezu undurchdringlichen Mischmasch der Verantwortlichkeiten geführt, außerdem zu zusätzlicher bürokratischer Aufblähung. Damals war der Bund finanziell relativ gesund. Und Strauß und Schiller, die das Institut der Gemeinschaftsaufgabe erfunden und betrieben haben, glaubten gewiss, den Ländern etwas Gutes zu tun. Tatsächlich haben sie sich getäuscht – und uns im Bundestag gleich mit: Wir haben uns düpieren lassen.

Ich kann dem heutigen Bundestag nur wünschen, er möge die bisher ziemlich bescheidenen Entwürfe der so genannten Föderalismus-Kommission sehr viel sorgfältiger auf ihre langfristigen Wirkungen prüfen, als wir das damals mit den Artikeln 91 a und 91 b getan haben. Das Vorrecht der kleineren Gemeinschaft, die Vorfahrt des Prinzips der Subsidiarität fließt doch aus dem Gebot der Würde des Menschen! Was am Ort entschieden werden kann, das muss auch vor Ort und von den Menschen vor Ort entschieden werden.

6.) Das andere kritisch zu würdigende damalige Gesetz betraf die staatliche Parteienfinanzierung. Die sogenannte Wahlkampfkosten-Erstattung, damals mit Zustimmung der FDP verabschiedet, hat durch ihre Opulenz erheblich dazu beigetragen, dass die Wahlkämpfe heute sehr viel stärker technisiert, professionalisiert und viel aufwendiger geworden sind. Die Parteizentralen sind dadurch finanziell und damit politisch viel mächtiger geworden. Wo früher Zigtausende ehrenamtlicher Helfer mit Hingabe Schriftenmaterial ausgetragen und Plakate geklebt haben, da beauftragt und bezahlt man heute Werbeagenturen und so genannte „Kreative“, welche die Wahlkampfparolen formulieren.

Wahlkampf- und Parteienfinanzierung wird immer wieder skandalträchtig und deshalb auch umstritten sein; immer wieder kommt es auch zu gesetzlichen Änderungen. Mein persönliches Ideal bestünde aus drei Regeln: Erstens kein Geld vom Staat. Keine Partei darf zweitens von einer Firma oder einer Vereinigung oder von einer juristischen Person Geld annehmen. Eine Partei darf drittens nur von Privatpersonen Geld annehmen, aber jede Abzugsfähigkeit bei der Einkommens- oder Lohnsteuer wird abgeschafft. Ich weiß, das ist ein Wunschtraum.

Aber einen Ratschlag will ich in vollem Ernst hinzufügen: Wann immer das nächste Mal die Parteischatzmeister sich einig sind über eine Gesetzesnovelle, die ihr beschließen sollt, dann müsst Ihr doppelt genau die Langzeit-Wirkungen unter die Lupe nehmen!

7.) Sofern Peter Struck mich jetzt nicht abklingelt, möchte ich gern noch einige weitere Ratschläge loswerden. Vorweg aber ein abschließendes Wort zu 1966 - 1969: Die damalige Große Koalition hat die bis dato teilweise feindseligen persönlichen Verhältnisse zwischen Schwarzen und Roten vermenschlicht und angenähert. Das ist heute Gott sei Dank nicht mehr nötig. Sie hat die 1959 mit dem Godesberger Programm begonnene Öffnung der SPD zur Volkspartei entscheidend vorangebracht – und: sie hat die Regierungsfähigkeit unserer Partei demonstriert, die wir danach in 13 Jahren der sozialliberalen Koalition bewiesen haben. Auch damit habt ihr heute – dank Gerhard Schröder – kein Problem. Denn jedermann weiß, dass ihr regieren könnt.