Es ist so einfach, von Kambodscha nur zu schwärmen. Das Licht! Gleißend, flirrend, leuchtend! Die Bäume! Ihre hellvioletten, ins Lavendelblaue und Weiße wechselnden Blütendolden. Die aus fedrigem Grün frech aufragenden orangefarbenen Blütenrispen. Die satten Blütentrauben des kambodschanischen Goldregens. Die bis ans Dach reichenden Hibiskussträucher neben den Bauernhütten. Die Dörfer, in denen Häuser auf hohen Stelzen aus roter Erde wachsen, Zackenlitzen aus Holz an der Traufe.

Die Haltung der Frauen, wie sie die Haare sorgsam nach hinten kämmen und hochstecken, sodass der Hals frei liegt. Ihre kleinen, perfekt geschneiderten Blusen hauteng, die langen Röcke bleistiftschmal. Die sanften Männer. Das überschwängliche Lachen der Studenten aus dem Hörsaal nebenan. Das Sirren der Zikaden an der Biegung des Flusses in Siem Reap. Wie es Abend wird in Angkor Wat und entlang des dunklen Wassergrabens, der den Tempel umgibt. Die bunten Strohmatten, auf denen Familien hocken und aus unzähligen Schälchen mit Fingern und Stäbchen essen, gedämpften Reis, Mango-Salat, Fisch.

Man lernt sich neu kennen am anderen Ort. Das Draußen verlangt ja immer Reaktionen, die sind so anders wie das, was zu Hause abgerufen wird. Man eilt nicht mehr. Man schreitet. Es ist sowieso zu heiß, um zu rennen. Wohin denn auch, es gibt ja keine ungeduldigen Leute. Wieso denn auch, man verpasst ja nichts. Man wird ruhiger. Kennt man sich so? Man bleibt gelassen, in Erwartung des gelassenen Lächelns, das einen begrüßt. Es ist unüblich in Kambodscha, sein Gegenüber mit Herablassung klein zu machen. Ungeduld ist verpönt. Ärger wäre ein Verlust von Haltung. Unhöflichkeit ein Gesichtsverlust, für einen selber. Fühlen sich Kambodschaner innen unfreundlich, auch wenn sie nach außen freundlich schauen? Das ist ihr Geheimnis. Fühlen sie Abscheu?

Ekel? Das Gefühl steigt in einem hoch wie Erbrochenes, der Blick hat rohes Fleisch erkannt, das auf dem Straßenmarkt in Siem Reap an einer Ecke auf einer Kiste liegt. Wegschauen? Zu spät. Erstarrte gehäutete Körper. Das Blut krustig getrocknet, schillernde Fliegen. Das Kind wird noch Wochen später angelegentlich zwei Wörter sagen: "Die Ecke!", und schon schüttelt es einen.

Man braucht auch gar nichts zu sagen, Übelkeit wallt auf, noch bevor man an der Sihanouk Boulevard um die Ecke biegt, in Street 57, wo auf den ersten Blick wirklich gar nichts zu sehen ist, aber Schwaden von Übelriechendem und Ekligem ihren Überfall planen, schon frühmorgens, auch noch mittags in der Gluthitze, noch schlimmer des nachts, wenn man nicht sehen kann, wohin man hintritt. Die Übelkeit erinnert einen daran, dass man gleich an der Ecke Sihanouk/Street 57 ist.

Dabei ist da gar nichts zu sehen, an der Ecke Sihanouk/Street 57. Irgendeiner hat erzählt, dass an dieser Ecke jahrelang der Müll des Viertels gesammelt wurde, die Verwesungssäfte sind in der Hitze versickerte, so tief die Erde durchdrungen, so unauslöschlich haben sie sich in dieses Stadtviertels versenkt, dass aller Asphalt und Beton diese Schwaden nicht unter sich begraben kann. Man beobachtet sich dabei, und wer hätte gedacht, dass man solche Instinkte in sich hat, wie man einige Schritte vor der Ecke Sihanouk/57 tief Luft holt und dann langsam ausatmet, während man um die Ecke geht, um so den Gestank von sich zu treiben.