Das Paradies liegt vier Stunden von Berlin entfernt. Vom Ostbahnhof über Rummelsburg und Leipzig, dann weiter nach Naumburg und schließlich Jena. Das blaue Schild am Bahnsteig zeigt die Aufschrift „Jena-Paradies“. Vorne ein Busbahnhof und eine mehrspurige Straße, hinten die Saale. Der Fluss ist über die Ufer getreten, die Bäume stehen im Wasser. Das Stück des Uferstreifens hinter dem Bahnhof ist ein Teil des Volksparkes, der hier in Jena Paradies genannt wird. Jetzt liegt er verlassen unter dem dunklen Himmel.

Durch die Gassen der Altstadt kommt man zur Wagnerstraße. Cafés und Restaurants reihen sich aneinander, Studenten tummeln sich hier. Vorbei an einer Kirche führen Stufen hinauf zu einem efeubewachsenen Gebäude. Hier draußen, auf der hölzernen Terrasse, soll die Band des Gitarristen Andreas Willers auftreten, als Teil des 12. Jenaer Jazz Frühlings.

Thomas Eckardt ist schon da. Der Geschäftsführer des Vereins „ Jena im Paradies“ sitzt drinnen, zurückgelehnt an einem der kleinen Tische neben der Bar, und raucht. Er richtet diese Konzertreihe aus. Andreas Willers sei erst skeptisch gewesen, als Jena sein Hendrix-Projekt haben wollte. Ob die Musik auf ein Jazz-Festival passe? Nun ist Willers da, aus Berlin gekommen, zusammen mit dem Schlagzeuger Michael Griener, dem Bassisten Jan Roder und der Sängerin Amy Green.

In den Ecken sitzen Studenten und lesen Zeitung oder holen sich Kaffee und einen Schokoriegel an der Bar. Essen kann man hier auch. Nudelgerichte für zwei Euro oder eine Suppe. An den holzgetäfelten Wänden hängen Plakate. „Jugend gegen Rechts“ und „Nazis raus!“ Das neue Projekt von Ekkehard Jost, Cantos de Libertad – die Musik des spanischen Bürgerkrieges soll hier stattfinden, Jazz wird als politische Musik gesehen, als Ausdruck von Widerstand und gesellschaftlicher Veränderung.

Eckardt gründete Jazz im Paradies gemeinsam mit Freunden 1980, damals noch als studentischen Jazzklub der FDJ, angegliedert an die Schiller Universität in Jena. Gestützt auf mühsam beschaffte Schallplatten und Tonbandaufnahmen von Miles Davis, Keith Jarrett und dem Art Ensemble Of Chicago hielten sie Musikvorträge und organisierten erste Konzerte im Jenapharm-Jugendklub. Das war ein Gebäude im Volkspark Paradies. Probleme mit der Partei hätten sein keine gehabt, dafür einen IM in den eigenen Reihen, aber das sei erst später herausgekommen.

Im Februar 1981 organisierten sie ihr erstes internationales Konzert. Der Avantgarde-Trompeter Wadada Leo Smith, ein schwarzer Amerikaner, spielte mit dem ostdeutschen Bassisten Peter Kowald und dem Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer.

Es ist halb acht, der Regen hat aufgehört. Die Holzplanken des Balkons sind feucht und glitschig. Die Musiker sitzen und essen. Um acht soll das Konzert anfangen, noch ist niemand da. Die Veranstalter nehmen’s gelassen. Eckhardt rechnet so: Wenn sich von den 20000 Studenten in Jena nur ein Prozent für Jazz interessiert, hätte das Festival eine ziemlich gute Auslastung. Aber es kommen nicht mal ein Promille. Nun, so sei das eben. Kein Grund, es deswegen nicht zu tun! Das Budget liegt bei viertausend Euro, inklusive der Spenden. Die bekannteren Bands treten im größeren Volkshaus auf, das dann auch als Veranstalter die Kosten übernimmt.

Nach der Wende waren die Musiker enthusiastisch. Alle wollten im Osten spielen, auch wenn es kaum Gage gab und die noch in Ostmark. Sogar Sun Ra mit seinem Arkestra kam ins Foyer der Volksbühne. Er wollte gar kein Geld, nur die Übernachtung.