Wie funktioniert eine Familie? Der Vater geht arbeiten und verdient Geld. Die Mutter zieht die Kinder auf und macht den Haushalt. Zerbricht die Ehe, galt bislang: Der Vater zahlt Unterhalt, Mutter und Kinder leben davon. So funktioniert Familie, denken noch immer viele. Deshalb schrieb der Kommentator der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung für diesen Donnerstag wohl jenen Satz, als er das neue Unterhaltsgesetz kommentierte: "Es wird immer wichtiger für den Einzelnen, egal ob verheiratet oder nicht, sich die Chance zu erhalten, selbst für den Lebensunterhalt sorgen zu können." Obacht, Herr Schreiber! Bei solchen Gemeinplätzen bleibt dem Leser leicht einmal das Frühstücksbrot im Halse stecken. Und wer kauft morgen dann das Blatt? Denn was in diesem Satz mitschwingt, ist eine rückwärts gewandte Vorstellung von Familie, in der die Erkenntnis, jeder müsse für sich selbst aufkommen können (auch Frauen, sei hinzugefügt), als revolutionäre Neuerung erfahren wird. Dabei sollte sie lange schon selbstverständlich sein.  

Die wahre Schuld für solche Frühstücksunfälle läge, natürlich, bei der Regierung. Schließlich hat sie in Person ihrer Justizministerin jenes Gesetz vorgelegt, dass es zu kommentieren galt. Darin geht es darum, wie künftig das Unterhaltsrecht organisiert sein soll. Wer dieses abwägt, muss sich Gedanken darüber machen, welches Bild von Familie, Ehe und Partnerschaft er pflegt. Da ist der Rückfall in bundesrepublikanisches Mittelalter Pflicht, wie die HAZ beweist.

Nur um der Klärung willen: Brigitte Zypries (SPD) will die Zahl der minderjährigen Sozialhilfeempfänger senken. Das nutzt einerseits der Staatskasse, soll andererseits aber auch jene in die Pflicht nehmen, die sich zu gerne entziehen: die Männer. Die lösen ihre Partnerschaft oder lassen sich scheiden und sind fürderhin nicht mehr gesehen. Und - was noch wichtiger ist - ihr Geld auch nicht. Zurück bleiben Frauen und Kinder, für die dann das Sozialamt seine Kasse öffnen und dieses Geld mit hohem Aufwand bei den Vätern wieder eintreiben muss. Was oft genug misslingt.

Nun hat sich die Ministerin darauf besonnen, dass Väter "erfahrungsgemäß lieber für ihre Kinder zahlen als für ihre Ex-Frauen", wie sie sagt. Wenn also ohnehin nicht genug Geld da ist, sollen künftig die Kinder den Vorrang bei der Unterhaltszahlung bekommen. Im Zweifelsfall guckt die Frau in die Röhre und muss arbeiten. Es sei denn, sie war mehr als zehn Jahre verheiratet und Hausfrau. "Diese Frauen wollen wir nicht benachteiligen", sagte Zypries.

Willkommen in der Gegenwart, möchte man der Ministerin freudig zurufen, auch wenn es sicher Männer gibt, die mit dem Rühren an Vatergefühle nicht zu packen sind. Dem Kollegen von der HAZ aber sei dies gesagt: Ein wenig Eigenverantwortung tut ganz gut. Trennung ist nämlich bitter, aber nur in seltenen Fällen eine sozialstaatlich abzusichernde Katastrophe. Frauen können tatsächlich arbeiten. Sie tun das sogar immer öfter und gegen Gehalt, auch wenn sie Kind und Haushalt haben. Es soll inzwischen sogar Männer geben, die wissen, wie man kocht und putzt. Nicht, dass Alleinerziehenden nicht viel abverlangt würde. Deshalb ja soll das Geld für Kinder stetiger fließen. Aber "nacheheliche Solidarität" ist eben nicht dasselbe wie beiderseitige Abhängigkeit. Früher nannte man das Emanzipation; heute wünschte man sich, es hieße Wirklichkeit.

Doch um der HAZ kein Unrecht zu tun: Sie hat ja Mitstreiter. Sagte doch der Familienfachmann der CSU, Johannes Singhammer: "Für uns ist klar, dass die Ehe einen besonderen Schutz braucht und deshalb in der Rangordnung nicht zurückgedrängt werden kann." Er sollte der Frankfurter Allgemeinen dankbar sein. Denn die erklärt, warum man lieber auf den Einwand verzichtet, die Gleichstellung der Ansprüche ehelicher und nichtehelicher Kinder schwäche die Institution Ehe. Dieses Argument stehe "auf schwachen Füßen, denn im Umkehrschluss besagte es, dass  sich die Ehe durch die Bevorzugung geschiedener Frauen bei der Verteilung der Unterhaltspflichten stärken ließe." Ein Lob der Scheidung aber hörte man die Christsozialen bislang eher selten singen.

Bleibt der Einwand, das neue Gesetz gebe im Krieg der Geschlechter Raum für neue Bosheiten. "Wer heiratet, um sich nach wenigen Jahren per Scheidung eine Art Leibrente zu sichern, wird auf ein realistisches Maß gestutzt", stellt die Rheinische Post fest. Dafür könnten aber doch Racheakte geschiedener Männer drohen, die ihren Ex-Frauen nun via Antrag beim Familiengericht das Geld kürzen und sie stattdessen arbeiten lassen wollen? Da aber sei der "Vertrauensschutz" der geschiedenen Frau vor, beruhigt die Süddeutsche Zeitung .

Alles in allem ist der Vorschlag der Justizministerin also wohl nicht der schlechteste. Nur sollte man ihn nicht scheinmoralisch überfrachten. Oder mit Kurt Tucholsky: "Die sittlichen Begriffe, die besonders in der deutschen Provinz aufgestellt werden, sind nicht maßgebend und nicht jene, nach denen sich das Volk richtet."