Ein Mordprozess ist zu Ende. Neun Jahre und drei Monate soll der 20-jährige Berliner Türke Ayhan Sürücü ins Gefängnis, weil er seine ältere Schwester Hatun erschoss, deren Lebensstil er missbilligte. Freigesprochen hingegen wurden seine älteren Brüder, denen die Staatsanwaltschaft Mittäterschaft vorgeworfen hatte. Alpaslan, damals 24 Jahre alt, soll Schmiere gestanden haben; Mutlu, der 25 war, soll die Waffe beschafft haben. Diese beiden will die Staatsanwaltschaft lebenslänglich eingesperrt sehen; gegen das Urteil des Berliner Landgerichts legte sie noch am Tag er Verkündung Revision ein.

Es sind Freisprüche mangels Beweisen, denen Mutlu und Alpaslan Sürücü ihre Freiheit verdanken. Die Umstände der Tat sind nicht geklärt. Am Ende stand eine Zeugin der Anklage, die sich an wichtige Details auffällig spät erinnerte, einer Zeugin der Verteidigung gegenüber, die Gelegenheit hatte, ihre Aussage mit Hilfe von Verhörprotokollen vorzubereiten, die sie nie in die Hand hätte bekommen dürfen. Etwas anderes als ein Freispruch konnte bei dieser Lage der Dinge kaum herauskommen – im Zweifel für die Angeklagten.

Daran wäre nichts weiter bemerkenswert, wäre der Tatbeitrag der älteren Brüder nicht in der Öffentlichkeit ausgiebig erörtert worden. Es war so, es konnte gar nicht anders sein, als dass Hatun Sürücü einem Komplott zur Wiederherstellung der verletzten Familienehre zum Opfer fiel – wobei es, Variante A, um ihren Lebensstil und insbesondere die Flucht aus ihrer Zwangsehe ging oder, Variante B, um sexuellen Missbrauch in der Familie. Eine seltsame Melange aus Frauensolidarität, Islamphobie und Terrorangst prägte diese Debatte. Mutlu soll sich in Pakistan und, sehr verdächtig, in Leeds aufgehalten haben, "wo das Attentat auf die Londoner U-Bahn geplant wurde", wie der Süddeutschen Zeitung zu entnehmen ist. Alpaslan, heißt es in dem selben Artikel, habe vor Gericht Zeugen bedroht, "immer sind es Frauen" – was in der Tat nicht hinnehmbar ist, möglicherweise aber auch mit dem Umstand zu tun hat, dass die wichtigsten Zeugen der Anklage nun einmal Zeuginnen waren.

Doch, es ging in der Debatte um den Ehrenmord auch um Aufklärung. Von Hürriyet , dem türkischen Massenblatt, bis zu Ditib, der Dachorganisation der aus der Türkei gesteuerten Moscheengemeinden, ist eine Debatte über Gewalt in der Familie und den dubiosen Ehrbegriff vieler Türken in Gang gekommen, der die männlichen Familienmitglieder unter Druck setzt, die Freiheitsrechte ihrer weiblichen Verwandten permanent zu missachten.

Weniger erfreulich ist die Debatte im deutschen Teil der Parallelgesellschaft, die sich an den Berliner "Ehrenmord" anknüpft. Es mag zutreffen, dass die Deutschen über die türkischstämmige Gesellschaft in ihrer Mitte vor dem Sürücü-Prozess wenig wussten. Fraglich ist, ob sich das nun geändert hat, ob sie überhaupt mehr wissen wollen? Haben sie zur Kenntnis genommen, dass die Sürücüs aus Kurdistan stammen und die Kultur ihrer Herkunftsgesellschaft mit, sagen wir, Istanbul, so viel gemeinsam hat wie die sächsische Schweiz mit Frankfurt? Interessiert sie die Frage, wie verbreitet Zwangsheirat und innerfamiliäre Gewalt in der deutsch-türkischen Community wirklich sind? Belastbare Untersuchungen zu dieser Frage gibt es nicht. Dennoch hat die CSU in Bayern ermittelt, dass in Deutschland jährlich 30.000 Zwangsehen geschlossen würden – damit wäre, grob geschätzt, so ziemlich jede Ehe unter Deutsch-Türken eine Zwangsehe. Jeder Türke ein Vergewaltiger, jede Kopftuchträgerin ein Opfer.

Kleine Nachfrage: Woher weiß das die CSU? Sie weiß es vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, der sich wiederum auf eine kleine Frauenrechtsorganisation mit Namen Terre des Femmes beruft – die ihrerseits glaubhaft versichert, derlei nie behauptet zu haben.

Ein Bundestagsabgeordneter mit Namen Hans-Peter Uhl, immerhin innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, ging kürzlich so weit, vor einem "Deutschland der Ehrenmorde und der Zwangsheirat" zu warnen, von dem man fürchten müsse, dass es "aus den Parallelgesellschaften von heute" heraus vorbereitet werde. Eine ziemlich deprimierende Antwort auf einen Mord – ein Rufmord.