ZEIT online: Giuseppe Carlo Marino, nach 43 Jahren hat die Polizei den sogenannten „Boss der Bosse“, Bernardo Provenzano, ausgerechnet in der Hauptstadt aller Paten gefasst – in Ort Corleone bei Palermo. Dort hielt er sich in einer sehr bescheidenen, fast ärmlichen Hütte auf, aß Schafskäse und Bauernbrot und guckte viel Fernsehen. Nicht gerade der Lebensstil, den man sich von einem Paten erwarten würde.

Giuseppe Carlo Marino: Natürlich nicht, aber für einen Sizilianer ist nichts verwunderlich daran. Provenzano symbolisiert ein kulturelles Bedürfnis nach Macht, das nur die Sizilianer in ihrer ganzen Bedeutung erfassen können. Ein sizilianisches Sprichwort sagt: „Macht ist besser als Sex“. Reichtum und Luxus hat für einen Mafioso wenig Bedeutung. Wichtig ist es, Einfluss zu haben - am Schalthebel zu sitzen.

Aber reich ist Provenzano schon.


Der Eindruck soll nicht täuschen. Provenzano ist einer der reichsten Männer des Landes. Die meisten Unternehmen in Sizilien zahlten ihm ein monatliches Schutzgeld von 0,8 Prozent ihrer Einkünfte – den sogenannten „Pizzo“. Die Kontrolle des Territoriums ist das wichtigste Ziel der Mafiosi – das spiegelt eine geradezu archaische Lebenseinstellung wieder, die sich aus der historischen Entwicklung der Insel erklärt.

Ist der Zeitpunkt der Festnahme – ein Tag nach den Parlamentswahlen – reiner Zufall?

Ein Zufall ist das natürlich nicht. Es gibt drei Hypothesen, die diese spektakuläre Festnahme erklären: Die erste besagt, dass die Regierung auf die Stimmen der Mafia nicht verzichten wollte. Die Mafia ist eine bedeutsame soziale Macht in Sizilien und manövriert die politische Konsensbildung. Da wollte man sich keine Stimmen verspielen. Die zweite, dass Provenzano von der Führungsebene der Mafia ausrangiert worden ist. Die dritte, dass Provenzano krank ist und sich von einem Gefängnisaufenthalt eine bessere Zukunft fur sich versprochen hat. Er braucht dringend ärztliche Hilfe. Ich denke, dass Provenzano, wie schon vor ihm Totò Rina, der Mann fürs Grobe war, der den militärischen Flügel der Mafia leitete. Die wirklichen Führungsgremien liegen jedoch ganz woanders. Provenzano ist am Ende unhaltbar geworden. Die Mafia hatte selbst ein Interesse an seiner Festnahme. Er war isoliert.

Provenzano war 43 Jahre auf der Flucht – die meiste Zeit auf italienischem Territorium. Unlängst hat er sich sogar in Frankreich wegen Prostatakrebs operieren lassen. Wie ist es möglich, dass sich der meistgesuchte Mann Italiens, dem Griff der Ermittler so leicht entziehen konnte?


Seine Festnahme ist so beunruhigend wie seine lange Flucht. Der Mann war 43 lange Jahre angeblich unauffindbar. Derweil lebte er in dieser Hütte in nächster Umgebung seines Heimatortes Corleone. Das bedeutet, dass er von einflussreichen Kräften und von der lokalen Bevölkerung geschützt wurde. Die Frage ist, war Provenzano wirklich der Chef der Mafia? Ich bezweifele das. Er machte die Drecksarbeit, tötete und liess töten. Die wirklichen Führungsstrukturen der Mafia sind moderner, einflussreicher, noch gefährlicher und verdeckter. Die meisten Sizilianer kennen die Namen dieser Leute, aber wenige haben Interesse daran, dass diese Persönlichkeiten zur Verantwortung gezogen werden. Die Mafia ist eine Machtstruktur, die einflussreich und effizient vorgeht und, durch ein ausgeklügeltes Netz von Seilschaften, die Gesellschaft durchzieht. Sizilianische Unternehmer zahlen ein Schutzgeld an die Mafia. Das ist sowas wie eine Versicherung, eine Art Steuer, die Ihnen Sicherheit garantiert. Das schafft Loyalitäten. Im Unterschied zu Neapel ist Palermo tatsächlich eine recht sichere Stadt geworden. Die Zahl der Delikte ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Die Stadt zieht immer mehr Touristen an. Viele Sizilianer glauben, dass ihnen die Mafia Lösungen bietet und dehalb gedeckt werden muss.
Der Ermittler des Anti-Mafia Pools, Pietro Grasso, hat der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ gesagt, Provenzano habe lange Zeit politische Protektion genossen. In der Hütte, in der sich Provenzano festhielt, haben Ermittler Wahlmaterial des sizilianischen Ministerpräsidenten Totò Cuffaro von der katholisch-konservativen Partei UDC gefunden. Gegen Cuffaro wird schon seit längerem ermittelt. Trotzdem wird er von der nationalen Parteiführung weiterhin gedeckt. Das sind beunruhige Vernestelungen zwischen Politik und organisierter Kriminalität.

Gegen Cuffaro wird ermittelt, dass ist richtig. Ich glaube jedoch nicht, dass uns Namen generell weiter bringen. Die Bedeutung der Mafia liegt in ihrer tiefgreifenden Struktur, der sich wenige Individuen in Sizilien ganz entziehen können und Politiker schon garnicht. Cuffaro mag involviert sein, wie auch andere Politiker in Sizilien. Aber die Mafia geht viel tiefer. Das sind Mechanism, die über einzelne Personen und die Region hinausgehen. Wer die Mafia bekämpfen will, muss bei diesen Strukturen anfangen.

Die Journalisten Stefano Maria Bianchi und Alberto Nerazzini haben in ihrem Dokumentarfilm „Die weisse Mafia” die Verbindungen zwischen Politik und Cosa Nostra recherchiert. Da bauen sich Mafiosi Luxuskliniken mit Staatsgeldern, während die öffentlichen Kliniken völlig verkommen und Patienten lebensrettende Therapien vorenthalten werden. Der Film ist nie im Fernsehen gezeigt worden. Erfüllen die Medien ihren Auftrag, die italienische Bevölkerung über die Konsequenzen der organisierten Kriminalität zu informieren?