Im Radio läuft nur Brei, das Musikfernsehen sendet nur noch Klingeltöne, Deutschrocker, Fachleute und Politiker balgen sich um eine Radioquote für "deutsche" Musik, die großen Kaufhäuser preisen in ihren CD-Abteilungen beinahe nur noch die Musik zur Castingshow an. An die Realität des Musikhörens reicht das alles kaum mehr heran. Um sich einer solchen anzunähern, müsste man wohl eher Joggern im Treptower Park oder Fahrradkurieren in Ottensen den iPod klauen. Oder man zieht durch die Nacht einer großen Stadt und lässt das auf sich einwirken, was aus den Kellern und Kneipen, Clubs und Tanzhallen schallt. In ersten Teil unserer kleinen Serie durchforsten wir die Berliner Nacht auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage: "Welche Musik wird heute eigentlich gehört?"

Im Maibach am Schöneberger Winterfeldplatz - Café, Restaurant und Lounge steht draußen dran - wollen wir uns auf die Nacht einstimmen. Wir haben Freitagabend, kurz nach neun. Es beginnt gut, endet aber im Desaster. Laufen zu Beginn noch ganz flotte aktuelle Sachen, Gorillaz' Dare zum Beispiel, und ehrwürdige Soulklassiker wie Kool & the Gangs Celebration, wird die Musikzusammenstellung sehr bald unzumutbar. Wir essen unsere Pasta, während die Lautsprecher ein Feuerwerk dubioser Coverversionen abbrennen, Smells Like Teen Spirit von Abigail bildet dabei den Tiefpunkt. Der Kaffee wird von Chris Reas Josephine zum Tisch begleitet, als die erste Strophe von Still Loving You der Scorpions losplärrt, sind wir bereits in den Jacken. Über Kreuzberg soll unser Weg uns nach Prenzlauer Berg führen.

Am Kottbusser Tor machen wir einen ersten Halt, um der Ankerklause einen Besuch abzustatten. Hier ist das Publikum selbst der DJ, eine Jukebox mit einhundert CDs wird ständig mit Groschen und Wünschen gefüttert. Schwedische Rockbands scheinen hier hoch angesehen, Mando Diao laufen und die Hives, danach Joe Strummer, die Beastie Boys und wieder Mando Diao. Mit der Zeit erscheint es als großer Nachteil der Box, dass über sie offenbar eine Art DJ-Duell ausgetragen wird, Rock gegen HipHop , der Mann mit der grünen Celtic Glasgow-Mütze gegen den mit der ausgebeulten Jeansjacke. Donnerstags, vertraut uns jemand an, sei hier immer große Party.

Die Mischung wird zunehmend anstrengender. So machen wir uns auf den Weg dorthin, wo laut Marco-Polo-Reiseführer das Berliner Nachtleben tobt und blitzt: Ost-Berlin, Prenzlauer Berg.

Erste Empfehlung dort: die Marietta Bar in der Stargarder Straße, so genanntes Indietronic steht auf dem Programm. Und wirklich, hier gibt es einen richtigen DJ, der spielt zwar nur CDs, aber nach Scorpions und Kreuzberger Jeder-darf-mal sind wir zunächst einmal demütig . Edel und Lautstark legen hier heute Abend auf, wir scheinen eher Herrn Edel zu lauschen. Respektabel ist sein Programm, zusammengestellt aus Klassikern - Radiohead, Jeff Buckleys Hallelujah - und den sanfteren Songs aktueller Alben. Hard-Fi spielt er und Monta, Slut und die Editors, Placebo und die Arctic Monkeys . Stilistische Unsicherheiten eher am Rande: Um uns herum wird rege und unverhohlen geknutscht. Nicht getanzt. Wo denn auch?

Trotz des legeren Einstiegs in den Abend haben wir jedoch bald genug davon, immer nur die ruhigen Songs eigentlich aufregender Platten zu hören. Und zum Knutschen sind wir nicht hier. Bei Wir sind Helden schnappen wir unsere Jacken. Der zweite Song von Hard-Fi - Tied Up Too Tight - ist bald nur noch dumpfes Geräusch von hinter der Scheibe, das uns noch ein paar Schritte lang in die Nacht folgt.