Man hat es schon eine Weile geahnt, denn Ursula von der Leyen, die neue Wunderfrau der Christdemokraten, lebt es ja mediengerecht vor – die Symbiose eines modernen Frauenbildes mit den Grundüberzeugungen und äußerlichen Merkmalen der "guten alten Zeit" der frühen Bundesrepublik: Als die Menschen noch viele Kinder hatten, die sie im Respekt vor den Anderen und im Geiste der christlichen Lehre erzogen. Als die Welt also angeblich noch in Ordnung war.

Dass Frau von der Leyen, durch siebenfache Mutterschaft geadelt und als  pädagogisch "kompetent" ausgewiesen, solche grundkonservativen Vorstellungen nun wieder zur quasi offiziellen Politik machen will, passt irgendwie in die heutige Zeit, wo allenthalben über die "neue  Bürgerlichkeit" fabuliert wird. Was ist das anderes als die Sehnsucht nach den vermeintlich verschütteten Werten einer untergegangenen Epoche?

Es ist natürlich nichts dagegen zu sagen, Kindern Werte wie Respekt, Toleranz, Verlässlichkeit und Hilfsbereitschaft zu vermitteln. Wer selber Kinder zu erziehen hat, weiß, dass das eine sich immer wieder neu stellende, nicht leichte Aufgabe ist. Und sicher ist auch richtig, dass es Heranwachsenden oft an solchen Tugenden und Einstellungen gebricht, ohne die eine Gesellschaft letztlich nicht funktionieren kann. Schulen und Lehrer klagen oft und gerne über solchen Mangel an Erziehung, die nachzuholen sie nicht in der Lage seien – für manche Pädagogen eine bequeme Entschuldigung für eigenes Versagen.

Doch solche Klagen hat es immer schon gegeben. Noch jede ältere Generation hat darüber gejammert, dass die jeweilige Jugend keine Erziehung, keine Kultur und keine Werte mehr kenne. Sicher brauchen Eltern Hilfe. Und sicher braucht eine offene, moderne Gesellschaft "Leitplanken", wie Frau von der Leyen postuliert. Nur: die festzulegen, ist nicht Sache der Regierung und der Kirchen. Das ist eine Sache der ganzen Gesellschaft und damit jedes Einzelnen.

Wie wollen wir leben? Was hält uns zusammen? Was macht unsere Kultur und unser Selbstverständnis aus? Auf diese Fragen hat niemand ein Monopol. Wenn es denn überhaupt eines "Bündnisses für Erziehung" bedarf, was viele Pädagogen mit Fug und Recht bezweifeln, schließlich wird seit Jahrzehnten breit über Erziehungsfragen diskutiert, dann müssen auch Eltern, Lehrer, Wissenschaftler und andere Organisationen daran beteiligt werden.

Und Kindergärten und Schulen können auch nicht "Orte der Erziehungsberatung" sein, wie es die evangelische Bischöfin Margot Käßmann zum Auftakt des "Bündnisses" formulierte. Sie sind dazu gar nicht in der Lage, sie haben schon Mühe genug, den Kindern das notwendige Wissen für ihr späteres Leben zu vermitteln. Und sie sollten es auch gar nicht. Denn gerade nach Vorstellungen der Konservativen, zu denen man ja auch die Familienministerin zählen darf, ist Erziehung zuallererst Sache der Eltern und Familien, nicht des Staates und anderer fürsorgender Einrichtungen.