Welches Land wird wann eine Atombombe besitzen? Seit Nazi-Deutschland an der Bombe forschte und es den USA während des Zweiten Weltkrieges gelang, erstmals Kernwaffen zu bauen, beschäftigt die Verbreitung dieser Massenvernichtungswaffen die Weltpolitik. Aktuelles Beispiel ist die schwelende Krise um Irans Nuklearprogramm. In seinem neuen Buch hat sich der amerikanische Geheimdiensthistoriker Jeffrey Richelson, Fellow am National Security Archive der George-Washington-Universität, mit der Geschichte der US-Atomspionage beschäftigt. Mit ihm sprach Henning Hoff.

ZEIT online: Amerikanische Atomspionage ist älter als die Atombombe selbst. Wo liegen die Anfänge?

Richelson: Die begründete Furcht vor einer Bombe in Hitlers Händen war der Auslöser, der zum „Manhattan-Projekt“ führte. Deutsche Physiker wie Werner Heisenberg oder Otto Hahn waren in den 1930er Jahren führend in der Atomforschung. Als amerikanische und britische Wissenschaftler Ende 1941 schließlich mit dem Unternehmen begannen, eine Atombombe zu bauen, wollte man natürlich wissen, wie weit die Deutschen waren. So richtig begannen Anstrengungen in diese Richtung aber erst 1942 nach der Gründung des OSS (Office of Strategic Services) , dem Vorläufer der CIA und mit dem militärischen Leiter des „Manhattan-Projekts“, General Leslie Groves, der die erste Einschätzung der Atomprogramme anderer Länder in Auftrag gab.

ZEIT online: Die frühe Spionage führte nach Ihrer Darstellung nicht nur zur gezielten Bombardierung deutscher Forschungseinrichtungen. Zu den Überlegungen, wie man eine deutsche Bombe verhindern könnte, gehörte sogar der Plan, ein Attentat auf Heisenberg zu verüben.

Richelson: Moe Berg, ein OSS-Agent, wurde Ende 1944 in die Schweiz entsandt, wo Heisenberg eine Vorlesung hielt. Er hatte den Auftrag, Heisenberg zu erschießen, sollte er den Eindruck haben, eine deutsche Bombe stehe kurz bevor. Da Heisenberg diesen Eindruck aber nicht vermittelte, sondern vielmehr den Krieg als verloren bezeichnete, behielt Berg seinen Revolver in der Tasche und Heisenberg lebte bis ins hohe Alter.

ZEIT online: Mit Beginn des Kalten Krieges wurde die Frage nach dem Zeitpunkt, an dem andere Staaten zur Atommacht aufsteigen könnten, zur Schlüsselfrage. Die Entwicklung in der Sowjetunion, die schon 1949 die erste Atombombe testete, wurde von US-Seite weit unterschätzt. Warum?

Richelson: Dafür gibt eine Reihe von Gründen. Sowjetische Technik schien der westlichen weit hinterherzuhinken. Zudem hatte Groves schon früh ein Programm gestartet, weltweit alles verfügbare Uran 235 aufzukaufen, und man dachte, die Sowjetunion hätte nicht genügend Uran 235 zur Verfügung. Alles in allem wusste man damals nicht viel über die Sowjetunion.

ZEIT online: Sie beschreiben detailliert, wie sich die Atomspionage entwickelte, anfangs vor allem durch Luftaufklärung, durch Flüge mit U2-Flugzeugen, die wohl erstmals von Wiesbaden aus starteten, später mit Satelliten, die immer präzisere Fotos lieferten. Was kann diese Art der Spionage leisten?

Richelson: Sie können sehen, was in einem Land geschieht. Gerade mit Satelliten ist es möglich, zahlreiche Einrichtungen gleichzeitig zu überwachen, über lange Perioden, und man kann beobachten, ob sich dort etwas tut. Die Bilanz der amerikanischen Spionage ist in dieser Hinsicht recht erfolgreich, beispielsweise beim Aufspüren sowjetischer Atomrüstungsanlagen, und später von israelischen und nordkoreanischen Einrichtungen. Aber Luftaufklärung hat auch Grenzen, denn Sie können nicht in die Gebäude hineinschauen. Es gibt immer wieder Beispiele dafür, dass Einrichtungen, die aus der Luft verdächtig aussehen, sich bei Inspektionen als harmlos herausstellen, beispielsweise in Nordkorea oder dem Irak.

ZEIT online: US-Präsident John F. Kennedy und später auch sein Nachfolger Lyndon B. Johnson dachten Anfang der 1960er Jahre ernsthaft über einen Militärschlag gegen das chinesische Atomprogramm nach, sei es durch Kommandoaktionen mit taiwanesischer Hilfe, oder durch Luft- und Raketenangriffe. Warum kam es nicht dazu?

Richelson: Es gab viele Zweifel über die Zuverlässigkeit der Erkenntnisse. Die Einschätzungen über den Stand des chinesischen Atomprogramms waren löchrig. Man war sich nicht sicher über die Zahl der Einrichtungen, obwohl sich heute zeigt, dass die Geheimdienste die meisten identifizieren konnten. Zudem wurde klar, dass man so das chinesische Programm allenfalls verlangsamen konnte. Schließlich gelangte die CIA zu der Ansicht, dass die chinesische Führung, trotz ihrer apokalyptischen Rhetorik, nach der China leicht den Atomtod von Millionen von Menschen verkraften könnte, sich nach Erlangung von Atomwaffen vorsichtig und gewissermaßen verantwortungsvoll verhalten würde. Und das bestätigte sich ja auch.

ZEIT online: Die US-Regierung nutzte am Ende ihr Spionagewissen, um die Welt 1964 auf die chinesische Bombe vorzubereiten und ihre Bedeutung herunterzuspielen. Diese Strategie hätte aber heute wohl kaum noch Hoffnung auf Erfolg?

Richelson: Es kommt auf die Umstände an. Im Fall der chinesischen Bombe funktionierte es ganz gut. Amerikas Verbündete in der Region wussten vorab Bescheid, und die USA versicherten ihnen schon vorher, sie weiterhin zu unterstützen.

ZEIT online: Sie schreiben von einer „durchwachsenen Bilanz“ der US-Atomspionage seit dem Zweiten Weltkrieg, die darauf zielte, Programme anderer Länder zu entdecken und möglichst zu verhindern. Was waren die größten Erfolge?

Richelson: Während des Kalten Krieges funktionierte die Aufklärung gegenüber der Sowjetunion und China ziemlich gut, auch wenn es immer wieder mal Pannen gab. Die Atomspionage ermöglichte es den US-Regierungen, ihre Entscheidungen auf der Grundlage von Erkenntnissen zu treffen, und nicht einfach nur aus Furcht, und das war von zentraler Bedeutung, auch für die in den 1960er Jahren einsetzenden Bemühungen zur Begrenzung von Atombombentests und die Verträge zur Nichtverbreitung. Beispielsweise konnten die Geheimdienste feststellen, dass die Sowjetunion 1979 trotz vieler Verdachtsmomente nicht gegen das Stoppabkommen für Atomtests verstoßen hatte. Und die USA konnten manche Länder wie beispielsweise Taiwan vom Atombombenbau abhalten.

ZEIT online: Seit Ende des Kalten Kriegs scheint die Unterbindung von Handel mit Nukleartechnik und Wissenstransfer eine entscheidende Rolle zu spielen?

Richelson: Auch hierin waren die USA einigermaßen erfolgreich. Das jüngste Beispiel war im Oktober 2003, als es gelang, den Frachter „BBC China“, der mit Tausenden Spezialteilen für die Nuklearrüstung in Richtung Libyen unterwegs war, nach der Durchquerung des Suezkanals zu stoppen und nach Italien umzuleiten. Das trug wesentlich dazu bei, dass Gadhafi kurz danach die Aufgabe der libyschen Atomwaffenambitionen verkündete.