Braucht es eine Weltwirtschaftsregierung? Oder zumindest einen Moderator, der die großen Spieler der Weltökonomie auf jene Regeln hinweist, nach denen zu agieren sie sich verpflichtet haben? Fragte man Rodrigo Rato, den Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), lautete die Antwort wohl: Er könne sich ein solches Mandat für seine Organisation schon vorstellen. Den Auftrag, eine entsprechende Reform des IWF zu entwickeln, bekam Rato am vergangenen Wochenende bei der IWF-Tagung in Washington. Rato nennt es ein Mandat für eine neue "multilaterale Überwachung" der nationalen Wirtschaftspolitiken, eingeschlossen des Rechts, einzelne Regierungen dazu ermahnen zu dürfen, die Folgen ihrer Politik auf die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte zu bedenken. Allerdings ohne mit Sanktionen drohen oder mit Anreizen locken zu können.

Hinter dem, was sich in Washington andeutet, steht die Erkenntnis, dass nationale Entscheidungen in einer globalisierten Wirtschaft weitreichende Wirkungen entfalten können. Als wichtigstes Beispiel dient Rato das große Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten . Die USA  führen wesentlich mehr Waren ein, als das Land exportiert. Die Ersparnisse der Amerikaner reichen bei weitem nicht aus, um die entstehende Lücke zu finanzieren. Stattdessen kommt das Geld vom Rest der Welt. Das funktioniert schon erstaunlich lange recht gut. Sollten jedoch die Devisenmärkte einmal daran zweifeln, dass der große Pump noch zu finanzieren ist, könnte der Wert des Dollars schnell einbrechen und eine weltweite Krise nach sich ziehen. Ähnliches gilt für die sehr großen Währungsreserven, die China inzwischen angehäuft hat. Hier könnten sich die Verantwortlichen aus politischem Kalkül über das wirtschaftlich Notwendige hinwegsetzen, mit ökonomisch ebenso gefährlichen Folgen.

Insofern ist es nur konsequent, diejenige Institution, die für die internationale Zusammenarbeit in der Währungspolitik zuständig ist, zu einer Art Koordinationszentrum auszubauen. Noch führt der IWF bilaterale Gespräche mit seinen 184 Mitgliedsländern. Er könnte aber gemeinsame Beratungen zwischen Industrie- und Schwellenländern organisieren, deren Ziel es sein müsste, gemeinsam gegen globale wirtschaftliche Risiken vorzugehen. Doch ist fraglich, welchen Einfluss Ratos Organisation entwickeln kann und welche Mittel ihr dazu zur Verfügung stehen. Bislang verstehen die wichtigen Industriestaaten unter "Überwachung" offenbar vor allem, dass der Fonds Studien erstellt und Empfehlungen veröffentlicht. Letztere mögen der Stabilität des Weltfinanzsystems dienen, werden aber auch oft Belastungen für die Einzelstaaten enthalten, auf die deren Regierungen nur ungern eingehen werden. Zumal, wenn niemand sie zwingen kann.

Hinzu kommt, dass der Ruf des IWF in den vergangenen Jahren gelitten hat; so sehr, dass beispielsweise der Chef der britischen Zentralbank, Mervyn King, die Analysen des Fonds erst kürzlich "fad", die Rolle des IWF "unklar" nannte. Der Bedeutungsverlust rührt vor allem daher, dass  der IWF als Kreditgeber immer weniger gefragt ist. Viele asiatische Schwellenländer sichern sich lieber durch eigene große Devisenreserven ab, ungeachtet der Frage, ob sie sich damit über eine Krise hinwegretten könnten. Argentinien und Brasilien haben ihre Kredite vorzeitig abgelöst , und mindestens in Argentinien ist man froh, die Fessel IWF los zu sein (zumal der Fonds hier von vielen als Interessenvertreter der USA wahrgenommen wird). Als großer Schuldner übrig geblieben ist dem Fonds lediglich die Türkei. Zudem waren die Bedingungen, die der Fonds an eine Kreditvergabe knüpfte, in der Vergangenheit immer stärker in die Kritik geraten. Und schließlich dringen Kritiker darauf, der IWF möge sich aus dem Feld der Weltbank, der Entwicklungshilfe, so weit wie möglich heraushalten. Oder sie wollen beide Institutionen gleich zu einer einzigen verschmelzen , wie es der frühere amerikanische Finanzminister George P. Shultz forderte.

Rato bleibt nun ein halbes Jahr Zeit. Dann trifft sich der maßgebende Währungs- und Finanzausschuss des Fonds in Singapur. Man wird sehen, ob es dem einst als Stabilitätswächter und Krisenhelfer entworfenen Fonds gelingen wird, bis dahin seine neue Rolle zu schärfen.