Der Ölpreis bricht täglich neue Rekorde: Am Donnerstag, dem vierten Tag in Folge, stieg der Preis für ein Barrel Rohöl der in New York und London gehandelten Sorten auf neue Jahreshöchststände. Zugleich wurde der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad mit dem Satz zitiert, der globale Ölpreis habe immer noch nicht seinen wahren Wert erreicht. "Die aus Rohöl produzierten Produkte werden zu dutzendfach höheren Preisen als denen verkauft, die von den Öl produzierenden Ländern erhoben werden", sagte er im staatlichen Radio Teheran. Zu Entspannung der Märkte dürften seine Äußerungen kaum beitragen.

Für zusätzlichen Preisauftrieb sorgen Unruhen in Nigeria, dem Land mit den fünftgrößten Erdölvorkommen der Welt. Hinzu kommen die überraschend gesunkenen Benzin- und Rohöllagerbestände der USA. Zusammen mit der dort anstehenden Ferienzeit und der Aussicht auf eine weitere verheerende Hurrikan-Saison in den Ölfördergebieten des Golfs von Mexiko schüren sie die Furcht vor weiteren Angebotsengpässen.

Doch ungeachtet dieser Preistreiber gilt Iran unter Energieexperten als derzeit größter Unsicherheitsfaktor auf dem Ölmarkt. Sollte die Nummer vier unter den Öllieferländern ausfallen, "dann sind wir ganz schnell bei Preisen für Öl von über 100 Dollar", sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Auch der Chefvolkswirt des IWF, Rahuram Rajan, warnte vor einer Eskalation des Konflikts mit Iran. Im schlimmsten Falle könne ein Krieg oder ein einfacher Lieferstopp eine weltweite Rezession auslösen.

Unabhängig von der Frage, ob eine solche Eskalation wahrscheinlich ist, prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF) der deutschen Wirtschaft in seinem aktuellen Frühjahrsbericht negative Folgen aus dem Ölpreishoch. Zusammen mit den schlechten Bedingungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt sorge das teure Öl für eine schwache Binnennachfrage, argumentieren die Washingtoner Experten, und reduzieren ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum für das laufende Jahr von 1,5 auf 1,3 Prozent. Für 2007 erwarten sie wegen der geplanten Mehrwertsteuererhöhung nur noch ein Prozent Wachstum.

Während der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ebenfalls fürchtet, der private Konsum werde unter den hohen Ölpreisen leiden, und FDP-Generalsekretär Dirk Niebel sogar fordert, die Mehrwertsteuer nicht zu erhöhen, um das Benzin nicht noch weiter zu verteuern, halten andere Ökonomen dagegen. Ihre These: Eine Exportwirtschaft wie die deutsche gewinnt durch das teure Öl mehr, als sie verliert. Denn durch so genannte Rücklaufeffekte fließen die hohen Einnahmen der Erdöl fördernden Länder an diejenigen Unternehmen zurück, welche ihnen beispielsweise Investitionsgüter aus Maschinenbau und Elektroindustrie verkaufen – und das sind zu einem großen Teil deutsche Unternehmen. Darin ist sich das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) mit dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHT) einig. Nach Angaben des IMK sind seit 2000 die deutschen Ausfuhren in die OPEC-Staaten um mehr als 50 Prozent gestiegen, und auch der DIHT führt die Erfolge der deutschen Exporteure vor allem auf die guten Beziehungen zu Russland und den Ländern des Nahen Ostens zurück.

Den Konsumenten, vor allem den Autofahrern, nützt das zunächst nichts. Ob sie ihren Beitrag zu einer stabilen Konjunktur leisten können, hängt vor allem von der weiteren Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und in der Steuerpolitik ab. Noch ist nicht entschieden, wer in der Konjunkturdebatte Recht behalten wird: Die Pessimisten des IWF oder die Optimisten aus IMK, IW und DIHT.