"Journalisten machen keine PR", fordert der Medienkodex des Netzwerk Recherche. Aber nicht alle halten sich daran: Freie Journalisten zum Beispiel, die auf PR-Honorare angewiesen sind. Andere bräuchten eigentlich kein Geld und machen trotzdem Werbung. Zum Beispiel Johannes B. Kerner. Der hoch bezahlte Moderator und freie Mitarbeiter des ZDF wirbt für Mineralwasser und Geflügelwurst – und für den Börsengang des Billigfliegers Air Berlin, dessen Aktien am 5. Mai erstmals an der Börse notiert werden sollen. "Bei Aktien setze ich auf Sieger!" verkündet Kerner und versichert, dass er die Air-Berlin-Papiere auf jeden Fall zeichnen wird.

Illustriert wird das Ganze mit Testergebnissen der Stiftung Warentest, des ADAC und des Wirtschaftsmagazins Capital, die Air Berlin im Vergleich mit anderen Fluglinien sämtlich zum Sieger kürten. Zusammen mit dem freundlich lächelnden Kerner suggerieren die Siegerplaketten: Wer diese Aktien kauft, kann nichts falsch machen. Höhenflug garantiert. Dabei hatten die Tester gar nicht die Wertpapiere im Blick, sondern prüften die Dienstleistungen der begutachteten Airlines. Die Mitarbeiter der Stiftung Warentest beispielsweise waren fünf Mal mit jeder Linie unterwegs, bewerteten unter anderem die Abfertigung und den Service an Bord. Dabei lag Air Berlin knapp vorne. Mit der Aktie aber, so die Tester, hatte ihre Arbeit nichts zu tun.

Dennoch scheint Kerners Botschaft bei Kleinanlegern anzukommen. Vor allem Privatleute orderten bislang im vorbörslichen Handel die Aktien von Air Berlin. Institutionelle Investoren hingegen halten sich zurück. Sie finden das Papier mit seiner angebotenen Preisspanne von 15 bis 17,50 Euro "nicht gerade günstig". Zwar liegt diese Spanne nach Einschätzung der Commerzbank, die den Börsengang zusammen mit Morgan Stanley, der NordLB und der Société Générale begleitet, um etwa 20 bis 30 Prozent unter der Bewertung des wichtigsten Konkurrenten Easyjet. Doch Finanzfachleute meinen, der Abschlag hätte durchaus noch größer ausfallen können. Sie sind sich nicht sicher, ob Air Berlin seinen Einstandspreis wirklich wert ist. Stefan Schöppner, Luftfahrtanalyst bei der Dresdner Bank, rät auch Kleinanlegern, nicht gleich zum Börsengang zu zeichnen, sondern abzuwarten, wie sich die Aktie entwickelt. "Sie verpassen nichts."

Ein wichtiger Maßstab, um den Wert des Papiers zu beurteilen, ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktie (KGV), das den Kurs auf die künftig erwarteten Gewinne bezieht. Während das geschätzte KGV des Konkurrenten Easyjet für das laufende Geschäftsjahr bei 19,5 und für 2007 bei 13,4 liegt, kommt Air Berlin auf ein Emissions-KGV von 18,6 bis 21,7 für das laufende Jahr. Das KGV von Ryanair als drittem Wettbewerber liegt bei 16,9 für das Geschäftsjahr 2005/2006 und bei 15,0 für das folgende Geschäftsjahr. Bezogen auf das KGV ist Ryanair also deutlich günstiger bewertet als die Konkurrenz. Air Berlin liegt – je nach dem letztlich erzielten Ausgabepreis der Aktie – kaum niedriger als Easyjet.

Der wichtigste Unterschied zwischen Air Berlin und seinen Konkurrenten ist aber: Die Airline flog in den beiden vergangenen Jahren Verluste ein. Easyjet und Ryanair hingegen wirtschafteten profitabel. Air Berlin rechtfertigt seine Verluste mit einmaligen Effekten. Alleine die Umstellung auf den internationalen Bilanzierungsstandard IFRS habe das Ergebnis mit etwa 100 Millionen Euro belastet, sagt Finanzvorstand Ulf Hüttmeyer. Hinzu kamen nicht ausreichend abgesicherte Währungs- und Ölpreisrisiken, die man nun aber im Griff zu haben glaubt. Nach Angaben des Air-Berlin-Chefs Joachim Hunold hat die Fluglinie 80 Prozent ihres Kerosinbedarfs für 2006 zu vorab fest vereinbarten Preisen gedeckt. Nun verspricht der Börsenkandidat für das laufende Geschäftsjahr die Rückkehr in die Gewinnzone, unter anderem mit Hilfe neuer Erlösquellen, zum Beispiel einer Gebühr für Kreditkartenzahlungen, Zusatzangeboten auf dem Onlineportal wie Hotels oder Mietwagen und einem besseren Catering.

Mit dem Geld aus dem Börsengang will Hunold expandieren. Ein Teil des Erlöses soll dazu verwendet werden, 60 schon bestellte Airbus-Maschinen zu finanzieren. Mit ihnen will Hunold neue Märkte in Osteuropa und Skandinavien erobern und außerdem die Flugfrequenz auf bestehenden Strecken erhöhen, um so mehr Geschäftsreisende anzulocken. Einen weiteren Teil des Geldes kassieren die Alteigentümer, die sich im Zuge des Börsengangs teilweise von ihren Anteilen an Air Berlin trennen. Nur Hunold wird seine Beteiligung komplett halten, mindestens weitere anderthalb Jahre, wie er sagt. Er fühle sich dem Unternehmen "sehr verbunden. Schließlich habe ich Anfang der neunziger Jahre mein ganzes Geld in Air Berlin gesteckt."