Gedrängel in der Sankt-Burchardi-Kirche zu Halberstadt: Im längsten und langsamsten Musikstück der Welt, Organ2/ASLSP, sind seit Januar fünf Töne gleichzeitig zu hören. Am 5. Mai nun wird Dieter Schnebel gemäß der Partitur von John Cage einen Klangwechsel vornehmen und zwei Töne entfernen: e und e' verstummen, a', c" und fis'' harren aus bis zum Juli 2008.

Wir sprachen aus diesem Anlass mit Dieter Schnebel. Der 76-jährige Komponist, Theologe und Professor für experimentelle Musik lebt in Berlin. Er kannte John Cage persönlich und wurde durch ihn in seiner Arbeit beeinflusst. Zur Feier des Klangwechsels wird Schnebels Missa Brevis am Freitagabend im Halberstädter Dom aufgeführt.

Herr Schnebel, ein Stück, das 639 Jahre lang gespielt wird, provoziert die Frage: Ist das noch Musik? John Cage kann sie leider nicht mehr beantworten …

Mir als Komponist ist diese Frage auch oft gestellt worden. Ich habe dann immer sehr höflich geantwortet: "Da können wir gern drüber reden, aber sagen Sie mir doch erstmal, was Musik ist!" Und dann ging das große Gestotter los. Ich finde es schön, dass man Musik kaum definieren kann, dass sie als Kunst tatsächlich unfassbar ist. Und was ich an Cage schätze: Er hat das gespürt und wollte der Musik diesen Rätelcharakter erhalten.

Der Essener Organist Gerd Zacher, dem Cage die Komposition gewidmet hatte und der sie 1987 in einer knappen halben Stunde uraufführte, hat bemängelt, der Zusammenhang des Werkes sei über die Jahrhunderte nicht mehr zu erfahren.

So einem Einwand liegt die Vorstellung zugrunde, dass Musik etwas Zusammenhängendes sein müsse. Das ist ja sehr die Frage. Bei Cage hat es Phasen gegeben, in denen er selbst versuchte, den musikalischen Zusammenhang zu zerstören. Da gibt es diesen berühmten Ausspruch von ihm: "Sind Töne Webern oder Mozart oder Beethoven, oder sind sie nicht einfach Töne?" Sein ganzes künstlerisches Bemühen ging eigentlich dahin, die Töne sie selbst sein zu lassen.

Diese Bedingung sehen Sie in Halberstadt erfüllt?

Ja.

Gerade weil das Stück durch die Zeit zerrissen wird?

Ja. Nehmen Sie die Wintermusik von Cage, eines seiner wichtigsten Werke. Ein Stück für Klavier, in dem jedes einzelne Ereignis ein Iktus sein sollte…

…ein Schlag…

…ja, kurz und weg. Es gibt 19 oder 20 Blätter, darauf stehen unterschiedlich viele solcher Akkorde, die als Schläge zu spielen sind. Das Stück sollte 20 oder 30 Minuten dauern, und die Schläge sind zu spielen mit langen Pausen zwischen ihnen. Auf einem Blatt steht nur ein Schlag, auf einem anderen stehen drei, und manche Blätter sind dicht gefüllt. Cage hat das nicht nur gemacht, um die Ereignisse zu separieren, sondern damit jeder Klang als eigenwertig wahrgenommen wird. Da gibt es die Anekdote, dass er zusammen mit dem Komponisten Christian Wolff ein solches Stück spielte und er zunehmend unzufrieden war, er wollte die Pausen immer länger haben. Und Christian Wolff hat dann zu ihm gesagt: "Wie du's auch anstellst, es endet als Melodie!" (lacht)

Die meiste Musik wird schnell gespielt und ist ebenso schnell zu Ende. Oft schafft man es gar nicht ins Konzert. Ein Vorteil der langen Aufführung ist: Man kann sie kaum noch verpassen. Wer heute keine Zeit hat oder dieses Jahr nicht, kann in zehn oder zwanzig Jahren hingehen.

Und tritt dann ein in den Klang. Das ist wunderschön. Dieser Moment des erstmaligen, des absolut Neuen. Das gleiche gilt, wenn man nach einer Stunde oder einem Jahr wieder in die Aufführung kommt, dann hört man den gleichen Klang auch wieder neu. Da ist der alte Heraklit wieder drin: Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Jedes Mal, wenn man das Bein in den Fluss hält, sind es andere Wasser, die es umspülen. Und man selbst ist auch ein anderer, bereits nach einer Minute!

Nach einem Jahr erst recht!

Die Musik von Cage ist schon sehr philosophisch. Und was mir an dem Halberstädter Projekt auch gefällt: Es ist so theologisch. Das hat ja eigentlich nur Sinn für den ganz großen Zuhörer da oben, der als einziger dann alles mitkriegt. Ob er ein ästhetisches Vergnügen daran hat, weiß ich nicht. Könnte ich mir aber schon vorstellen.

Über seine Wahrnehmungsgeschwindigkeit weiß man nichts. Ob er mikroskopisch hört oder astronomisch. Wissen Sie eigentlich, dass das Stück in Halberstadt versehentlich zu schnell gespielt wird?

Nein!

Man hat bei der Umrechnung der Partitur auf die Jahrhunderte ein paar Fehler gemacht, und das Stück ist seiner Zeit jetzt elf Monate voraus. Es soll vom Jahr 2013 an abgebremst werden, um 2020 wieder ins richtige Maß zu gelangen.

Das ist ja wunderbar! (lacht) Wissen Sie, bei Cage gibt es immer Überraschungen. Sein berühmtes Stück 4'33', in dem viereinhalb Minuten lang nichts geschieht: Es besteht aus drei Sätzen, zu 33 Sekunden, 2 Minuten 40 und 1 Minute 20 - wenn man die Sekunden zusammenzählt, sind es 273. Das ist in der Physik der absolute Nullpunkt. Minus 273 Grad, da hört jede Bewegung auf.

Ist das ein Zufall?

Ich habe Cage einmal darauf angesprochen; er als Amerikaner wusste das gar nicht, die messen ja in Fahrenheit. Er war ganz begeistert: "It's wonderful!"

Alle Veranstaltungen zum Klangwechsel finden Sie auf der Homepage des John Cage Projektes .