Unter Eltern und Lehrern ist die Furcht weit verbreitet, dass Kindern über das Internet Gefahren drohen könnten. Ganz anders stellt sich die Situation für einige Wissenschaftler dar: Denn für sie ist das Netz ein wunderbares Feld, um den Jugendlichen beim jung sein zuzuschauen. Eine Sonderausgabe der Zeitschrift " Developmental Psychology " hat gerade eine Reihe von Artikeln darüber veröffentlicht, wie Kinder und Jugendliche das Internet nutzen – und wie sie oft davon profitieren, manchmal jedoch Schaden nehmen.

Menschen begeben sich in die virtuelle Welt mit den gleichen Wünschen, Bedürfnissen und Abgründen wie in die reale. So sind Jugendliche im Internet ebenso auf der Suche nach Identität, nach Informationen, nach sexuellen Erfahrungen, nach Gleichgesinnten, nach Anerkennung und Engagement wie in der Schule, bei Freunden oder im Sportverein. Doch sie erhalten im Netz andere Möglichkeiten, sich auszuprobieren.

Anonymität

Eine der wichtigsten Verheißungen des Internet ist die Anonymität. Selbst wenn sich die Kinder und Jugendlichen über sehr persönliche Dinge in Chats und Foren austauschen, können sie doch fiktive Namen und ein Wunschalter wählen. Sie können dadurch offener und unbefangener sein. Sie müssen sich außerdem sprachlich darstellen. Körperliche Attraktivität, Kleidung und andere Statussymbole sind nicht sichtbar.

Ein Mädchen schreibt: "Ich denke, meine größte Angst ist, vergessen zu werden. Ein Lehrer, den ich letztes Jahr hatte, erinnert sich nicht einmal mehr an meinen Namen – es kommt mir so vor, als würde sich niemand an meinen Namen erinnern. Woher soll ich wissen, dass ich existiere? Zumindet dann weiß ich, dass ich existiere, wenn ich mich schneide."
Ein Team um Janis Whitlock von der Cornell University untersuchte Foren, in denen sich alles um das Thema Selbstverletzung dreht . Die Jugendlichen (meist Mädchen zwischen 14 und 20 Jahren) können hier beides erleben: Hilfe zum Ausstieg oder Bestärkung ihrer selbstzerstörerischen Leidenschaft. Einige Teilnehmer der Foren reden, ermutigt durch die Anonymität, erstmals offen über ihre Sucht, finden andere Menschen, die sie verstehen und akzeptieren, wie sie sind, und suchen schließlich im besten Fall nach Hilfe. Andere lassen sich auf eine hermetische Welt ein, die ihnen suggeriert, ihre Krankheit sei die Normalität und eine Veränderung gar nicht wünschenswert. Es gibt Foren, in denen sich die Jugendlichen untereinander ermutigen, immer weiter zu gehen, bis hin zum Selbstmord. Es werden bestimmte Armbänder und T-Shirts zum Verkauf angeboten, anhand derer sich die Jugendlichen in der wirklichen Welt wieder erkennen können. Eine weitere Gefahr bestand darin, dass sich Erwachsene als Helfer der Mädchen ausgaben, die in Wirklichkeit "weniger ehrenhafte Ziele" hatten, wie es in der Studie heißt. Wahrscheinlich wären beide Gruppen im realen Leben auch vorhanden, jedoch viel schwieriger zugänglich gewesen. Die Anonymität des Netzes kann sich als Segen und als Fluch für diese Mädchen auswirken.

Weniger drastisch waren die Beobachtungen von Kaveri Subrahmanyam und Kollegen in ihrer Untersuchung von Teenagerforen . Sie stellten sich die Frage, wie die Suche nach Identität und Sexualität sich in den Selbstdarstellungen im Netz wiederspiegelte. Da die Teenager nicht mit Kleidung und Make up ihre Szenezugehörigkeit ausdrücken und ihre sexuelle Selbstdarstellung betreiben können, müssen sie das Ganze sprachlich lösen. Die gängigste Methode war, selbst gewählte Pseudonyme zu diesem Zweck zu nutzen. Die meisten gaben durch diesen so genannten Nickname ihr Geschlecht und auch das Alter preis. Ansonsten gab es wenige Überraschungen, im Gegenteil: Die Jugendlichen hielten sich sehr traditionell an Geschlechtermodelle. Die, die sich selbst als Mädchen präsentierten, waren eher passiv. Sie wollen attraktiv wirken, aber nicht aktiv werden. Wenn sie über Sex sprachen, dann eher indirekt, während die Jungen sich drastischer ausdrückten und direkt Kontakt aufnahmen. Auch das Alter spielte dabei eine Rolle. Die zehn- bis 17jährigen waren verschämter, die 18 bis 24jährigen direkter in ihrer Ausdrucksweise. Mädchen waren häufiger in moderierten Chats zu finden, in denen die Umgangsformen höflicher waren als in den unmoderierten. Insgesamt beobachteten die Wissenschaftler jede Minute einen sexuellen Kommentar – geäußert von nur einem Viertel der Chatter. Aber natürlich waren alle Teilnehmer damit konfrontiert.

Das Problem dabei: Die Psychologen können ihre Beobachtungen nicht sicher einordnen. Spiegelt sich in den Foren wieder, wie Teenager sich im realen Leben präsentieren, was Erwachsene normalerweise nicht beobachten können? Oder wird in der Anonymität des Netzes etwas ganz neues probiert und die gleichen Jugendlichen verhalten sich im wirklichen Leben anders?

Unabhängigkeit

Mit der Anonymität geht einher, dass die Jugendlichen unabhängiger von ihrer Umgebung sein können. Sie versorgen sich mit den Informationen, nach denen sie die Erwachsenen nicht mehr fragen wollen, oder die diese ihnen gar nicht geben können oder wollen. Sie engagieren sich in einer Weise, die sie selbst ausprobieren und nicht von Erwachsenen vorgelebt und angeleitet wird.