Der modrige Geruch des Verfalls hängt über der Labourregierung. Parallelen zur Endzeit der letzten konservativen Regierung unter John Major drängen sich auf.

Ein Fiasko jagt derzeit das andere. Über tausend ausländische Kriminelle, darunter Mörder, Gewaltverbrecher und Vergewaltiger, wurden nach Verbüßung ihrer Haft nicht abgeschoben, sondern in die Freiheit entlassen. Niemand weiß, wo sie sich aufhalten und ob sie nicht bereits neue Verbrechen begangen haben. Innenminister Charles Clarke scheint nicht Herr der riesigen Bürokratie seines Ministeriums zu sein. Patricia Hewitt, Ministerin für Gesundheit, wurde auf dem Kongress der Krankenschwestern gnadenlos ausgebuht und verhöhnt und musste ihre Rede abbrechen. Instinktlos, ohne Gefühl für die Umstände, hatte sie vom "besten Jahr des nationalen Gesundheitswesens" gesprochen, während angesichts ausufernder Defizite gerade fast 8000 Stellen abgebaut werden.

Zu allem Überfluss kann die britische Presse auch noch genießerisch in einer reich bebilderten Skandalstory über die außereheliche Affäre von Vizepremier John Prescott mit einer Sekretärin schwelgen. Ein bisschen viel auf einmal, bedenkt man Peinlichkeiten und Skandale, die in den vergangenen Wochen Schlagzeilen machten. Allen voran die Affäre um die Parteifinanzierung, verbunden mit dem Vorwurf, die Regierung habe großzügigen Gönnern Lord-Titel versprochen.

Kaum eine Woche vor den Lokalwahlen verheißt das nichts Gutes, sowohl für die Labourparty als auch für Tony Blair. Der einzige Trost für den Premier mag darin liegen, dass ein miserables Ergebnis nicht allein ihm, sondern auch seinen Ministern anzulasten ist. Doch ist jetzt schon sicher, dass ein schlechter Wahlausgang die Forderung nach dem baldigen Abtritt Tony Blairs auslösen wird.

Die Fehlleistungen seiner drei Minister besitzen unterschiedliches Gewicht. Prescotts Affäre dürfte folgenlos bleiben. Was außereheliche Skandale ihrer Politiker betrifft, sind die Briten einiges gewohnt. Eine Nation, die einst als besonders prüde galt, ist ziemlich tolerant geworden und weiß zwischen privaten und politischen Ausrutschern zu unterscheiden.

Ernster und politisch folgenschwerer ist die Aufregung um den NHS, den "National Health Service". Auf dem Kongress einer Gewerkschaft feindselig behandelt zu werden, ist für einen Minister eigentlich keine Schande. In aller Regel kann es als Bestätigung dafür gewertet werden, den richtigen Reformkurs eingeschlagen zu haben. Doch legte Gesundheitsministerin Patricia Hewitt, und dies nicht zum ersten Mal, bei ihrem Auftritt vor den Krankenschwestern Instinktlosigkeit wie Arroganz einer besserwisserischen Oberlehrerin an den Tag und erhielt dafür die verdiente Quittung. Der Abbau von 8000 Stellen für Krankenschwestern, Bürokräfte und Ärzte (erzwungen durch Defizite, die nur in paar wenigen englischen Regionen auftreten) ist gering, stellt man in Rechnung, dass die Labour-Regierung in den vergangenen Jahren landesweit 250.000 neue Stellen schuf. Doch erweckt das andauernde Wehgeschrei der Gewerkschaften, das die Medien begierig aufgreifen, den Eindruck einer tieferen Krise im Gesundheitswesen. Wovon nicht die Rede sein kann. Doch die Regierung, angeblich so brillant in der schwarzen Kunst des "Spins", erweist sich erneut als miserabel in der Selbstdarstellung.