Als sich der Chef der Deutschen Börse, Reto Francioni , vor drei Monaten für einen Zusammenschluss mit der Mehrländerbörse Euronext aussprach, erhielt er Zustimmung von höchster Stelle. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac bezeichneten die Fusion als "interessantes Projekt" und machten deutlich, dass eine starke Europa-Börse im Interesse beider Länder liegt. Auch von den Banken kam viel Zustimmung, da die heillose Zersplitterung der europäischen Börsenlandschaft nicht nur hohe Kosten verursacht, sondern den Finanzplatz auch im globalen Wettbewerb benachteiligt.

Jean-Francois Theodore, Chef der aus dem Zusammenschluss der Aktienbörsen von Frankreich, Holland, Belgien und Portugal entstandenen Euronext, versprach denn auch gleich konstruktive Gespräche. Doch die sind nun auf scheinbar unüberwindliche Hindernisse gestoßen.

Wie schlecht es um die Sache steht, wurde jetzt durch eine Erklärung der Euronext-Geschäftsführung offenkundig. Sie kündigte an, die Pläne zur Fusion mit der deutschen Börse auf der Hauptversammlung am 23. Mai nicht zu unterstützen. Gleichzeitig erklärte Euronext zwar alle Pläne zur Übernahme der London Stock Exchange (LSE) für ad acta gelegt. Doch dies bedeute keineswegs ein Votum für Frankfurt.

Die Gespräche werden zwar fortgesetzt. Die Erfolgsaussichten sind nach Ansicht von Beobachtern aber gering, da die deutsche Seite sich in zwei zentralen Fragen stur zeigt: Erstens beharrt sie auf Frankfurt als Hauptsitz einer neuen Europa-Börse. Euronext hingegen favorisiert Amsterdam als Standort. Zweitens ist die Deutsche Börse bisher nicht bereit, ihre monopolartige Unternehmensstruktur aufzugeben.

Verschärft wurde das Ganze jetzt noch durch die ungeschickte Einmischung führender Politiker. Erst hatte der französische Finanzminister Thierry Breton vor einer Woche das Geschäftsmodell der Deutschen Börse als wettbewerbswidrig kritisiert. Prompt konterte sein Berliner Amtskollege Peer Steinbrück mit dem Hinweis auf den wirtschaftlichen Erfolg des Frankfurter Modells. Und setzte noch eins drauf: "Bei einer möglichen Fusion", so Steinbrück, "muss die Marktkapitalisierung berücksichtigt werden."

Mit diesem barschen Verweis auf die wirtschaftliche Stärke der Deutschen Börse rührt Steinbrück an die tiefsten Ängste der Franzosen und Holländer, die nichts so sehr fürchten wie eine deutsche Vorherrschaft. Schon zu Beginn der Gespräche war die Besorgnis laut geworden, die Deutschen wollten in Wahrheit keine Fusion gleichberechtigter Partner, sondern eine verdeckte Übernahme.