Dreieinhalb Netto-Arbeitsstunden, vier umfangreiche Themen, und über allem zwei ganz große Worte: "Die Zukunft Europas". Das Motto stand über einem parlamentarischen Treffen in Brüssel, vom Mittag des 8. Mai (sinniger Bezug: Der Tag markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs, als Europa in Trümmern darniederlag) bis zum Nachmittag des 9. Mai (als vor 56 Jahren Frankreichs Außenminister Robert Schuman dem freien Teil des Kontinents neue Horizonte wies).

Es kam, wie es kommen musste: Die Zeit war zu kurz, der Teilnehmerkreis mit fast 300 Mitgliedern aus den nationalen und dem Europäischen Parlament zu groß, die Arbeitskreise viel zu weit gesteckt, von der "EU in der Welt" bis zu den "Künftigen Finanzmitteln". Die Redezeit blieb zudem beschränkt auf drei Minuten pro Abgeordneter. Nur für den österreichischen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, derzeit EU-Ratsvorsitzender, und den Kommissionspräsident José Manuel Barroso gab es deutlich mehr, was mancher als ungerecht empfand, schließlich sind die beiden Vertreter der Exekutive und nicht eines Parlaments.

Europa redet. Der Eindruck herrscht spätestens seit dem doppelten Nein der Franzosen und Niederländer vor einem Jahr allenthalben vor. Oder sollte es im Andenken an Sigmund Freud eher heißen: Europa bespricht sich? Im doppelten Wortsinn, man redet miteinander – und sucht nach dem heilenden Wort, nach Seelentrost und (Alb)Traumdeutung.

Das politische Personal unterscheidet sich dabei nur wenig vom einfachen Bürger. Beide mögen’s derzeit gerne kompliziert und kontradiktorisch. So halten 67 Prozent der Europäer in der jüngsten Eurobarometer-Umfrage diese Union für demokratisch und friedlich – aber nicht einmal die Hälfte der Befragten hält die Mitgliedschaft des eigenen Landes darum schon für eine gute Sache.

Einerseits wünschen sich die Bürger mehr Europa, in allen Fragen der polizeilichen oder sozialen Sicherheit. Andererseits ist ihnen dieses Europa, dieses "Brüssel", suspekt. Weniger Europa wäre auch ganz schön. Woran soll man sich da noch halten?

Am besten an die Vorgaben. Der Verfassungsvertrag wurde in zwei Mitgliedsstaaten abgelehnt – aber in 16 von 25 inzwischen ratifiziert, am Dienstag folgte Estland, bis Ende Juni noch in Finnland. Sieben Nationen legten das Verfahren auf Eis, in dreien davon dürfte der Vertrag keine Chance haben, nicht im Vereinigten Königreich, nicht in Dänemark, nicht in der Tschechischen Republik. Also wird man redend, reflektierend, debattierend auf die Gunst des Augenblicks hoffen und harren.