Tony Blair erweist sich aufs Neue als politischer Houdini. Wie tief der Premier auch in der Bredouille stecken mag, stets konnte er sich herauswinden. Kein anderer Regierungschef wurde so oft totgesagt wie er. Seit dem Sommer 2003 verstrich kaum ein Monat, in dem heimische wie internationale Medien nicht sein baldiges Ende verkündeten - ob wegen des Irakkrieges oder des wachsenden Widerstandes gegen seine Reformpolitik.

Der Chor der Kritiker übersieht jedoch gerne, dass Blairs New Labour Projekt trotz aller Schwächen und Peinlichkeiten immer noch das vielleicht erfolgreichste sozialdemokratische Projekt in Europa darstellt. Ansonsten hätte Blair, der Labour dreimal zum Sieg führte, die Untergangsprognosen nicht immer wieder aufs Neue widerlegen können. Gewiss haben die Wähler ihm in der vergangenen Woche bei den Kommunalwahlen eine schallende Ohrfeige verpasst. Aber Kommunalwahlen haben stets die folgenlose Gelegenheit geboten, Regierungen abzustrafen. Sie sind nur sehr bedingt ein zuverlässiger Gradmesser für künftiges Verhalten der Wähler. Bei den Wahlen war es zudem nicht zu der von Blairs Widersachern erhofften und vorausgesagten "Kernschmelze" von Labour gekommen.

Der Premier hat nun mit ungewohnter Härte sein Kabinett umgebildet. Er feuerte inkompetente Minister, entmachtete seinen Vizepremier, berief - ziemlich überraschend und erstmals in Großbritanniens Geschichte - mit Margaret Beckett eine Frau als Außenministerin und rückte verlässliche, loyale Politiker in Schlüsselpositionen. Mitnichten das Verhalten eines Mannes, der Pläne für den baldigen Ruhestand schmiedet. Die Anhänger seines designierten Nachfolgers, Schatzkanzler Gordon Brown, drohten mit offener Rebellion; Hinweise auf einen Brief zirkulierten, der den Premier ultimativ auffordert, ein Datum für seinen Abgang zu nennen. Im Klartext heißt das nichts anderes, als dass er sofort Downing Street räumen möge. Doch denkt Blair nicht im Traum daran, dieser Forderung nachzukommen. Am Montag machte er, zunächst vor der Presse, dann in einer hitzigen, spannungsgeladenen Sitzung der Labourfraktion unmissverständlich klar, dass ein solches Datum von ihm nicht zu haben ist. Blair hat im engen Kreis der Vertrauten die Idee geprüft und verworfen. Und das wohl zu Recht: Würde er einen Termin nennen, wäre er endgültig eine " lame duck ", ein Regierungschef ohne Autorität. Die ruppige Umbildung des Kabinetts hat Freund wie Feind so nebenbei daran erinnert, dass seine "Macht der Patronage" ihm nach wie vor gegeben ist, was immer über das "Dahinschwinden" seiner Macht geschrieben und gesagt worden ist.

Ohne Rücktrittstermin scheinen zudem die Chancen besser, gegen eine aufmüpfige Fraktion jene Reformen in Erziehung und Gesundheitswesen durchzudrücken, die Blair als politische Erbschaft hinterlassen will. Nur ein Zugeständnis machte der Labourpremier beim Treffen mit seiner Fraktion. Er vermied die Formel, er wolle die "volle Amtszeit" in 10 Downing Street bleiben, bevor er den Platz räumt für seinen Nachfolger. Dafür betont er, seinem Nachfolger "ausreichend" Zeit geben zu wollen, um sich vor der nächsten Wahl "einzuarbeiten". Eine immer noch dehnbare Formulierung, die dazu beitragen wird, dass die mediale Spekulation über diesen Dauerbrenner britischer Politik nicht enden wird.

Im finalen Poker um die Macht besitzt Tony Blair eine wirkungsvolle Trumpfkarte: Noch nie hat die Labourparty einen ihrer Premiers gestürzt. Nur eine offene Revolte könnte Blair aus 10 Downing Street entfernen. Abgeordnete des linken Flügels, die Blairs Dritten Weg von Beginn an verabscheuten, würden davor nicht zurückscheuen. Gordon Brown und seine Anhänger wollen mit diesen Kräften, die zurück in die sozialistische Vergangenheit drängen, um keinen Preis gemeine Sache machen. Auch der Schatzkanzler weiß, dass Labour die politische Mitte nicht aus dem Visier verlieren darf, will sie mehrheitsfähig bleiben. Zudem würde eine Meuterei gegen den Premier die Partei in einen selbstzerstörerischen Bürgerkrieg stürzen und Browns eigene Chancen auf eine längere Amtszeit als Premier zunichte machen. Es heißt also weiter mit Tony Blair leben. Bis er selbst meint, die Zeit sei reif für den Abschied.