Der Beschluss, auf den sich die Innenminister am Freitag nach zweitägigen Verhandlungen verständigten, ist ein typischer Wechselbalg der deutschen Kleinstaaterei und des Parteienhaders: Für Ausländer, die Deutsche werden wollen, wird es demnach künftig zwar bundesweit einheitliche Einbürgerungskurse geben, in denen sie staatsbürgerliches Grundwissen sowie die Werte und Grundsätze der Verfassung erlernen müssen. Und es soll auch einen einheitlichen Deutsch-Sprachtest geben.

Wie diese Prüfung aussehen wird, bleibt aber jedem Bundesland überlassen. Einen bundesweiten Wissenstest nach dem Vorbild von Hessen und Baden-Württemberg wird es jedenfalls nicht geben, denn dagegen hatten sich die SPD-Länder gesträubt. Stattdessen soll nun - oh heiliger Bürokratius! - das Bundesamt für Migration Inhalte und Konzepte für die Einbürgerungskurse entwickeln und "Standards für die Nachweismodalitäten" erarbeiten. Die Prüfung, so viel verriet Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) als Konferenzvorsitzender immerhin schon mal, soll schriftlich, mündlich oder "in anderer Form", etwa als "Rollenspiel", abgelegt werden. Wie sonst, möchte man da fragen. Als Gedicht?

Frei sind die Länder auch darin, in welcher Form sie die Staatsbürgerurkunde an die Neubürger überreichen. "Feierlich" soll es zugehen. Ob die Länderbehörden jedoch einen Eid auf die Verfassung verlangen oder sich mit einem "feierlichen staatsbürgerlichen Bekenntnis" begnügen, ist ihre Entscheidung. Die Unions-Länder werden wohl die Eid-Variante wählen, die SPD-Länder das softere Modell. So kann jeder Ausländer künftig wählen, wie er eingebürgert werden möchte - er muss nur ins richtige Bundesland ziehen.

Und noch ein Schmankerl: Für das abzufragende bundesweite Basiswissen soll es regionale Ausprägungen geben. "In Bayern wird man vielleicht nach dem bayerischen König fragen, in Brandenburg nach dem preußischen König", meinte der Potsdamer Innenminister Jörg Schönbohm. Und was ist mit den Karnevalsprinzen im Rheinland?

Nun könnte man das alles als förderalen Irrsinn und politische Selbstbeschäftigung abtun - wenn das Thema nicht so ernst wäre. Denn die Frage, unter welchen Bedingungen ein Mensch Bürger eines Landes werden kann und in welcher Form und in welchem Ausmaß ein Land Bürger anderer Länder einlädt, dauerhaft gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft zu werden, gehört zu den konstitutiven Grundfragen eines Gemeinwesens - erst recht vor dem Hintergrund der demografischen Schrumpfung, der Globalisierung und der Europäischen Einigung, die längst eine übergreifende europäische Unionsbürgerschaft geschaffen hat.

Anstatt sich jedoch diesen Realitäten zu stellen, tun die 16 Bundesländer immer noch so, als lebten wir in der Kleinstaaterei des 19. Jahrhunderts, in der jeder Fürst und Landesherr selbstständig entscheiden konnte, wer sein Untertan werden durfte. Schlimmer noch: Die Parteien nutzen das Thema weiterhin als Mittel im politischen Tageskampf, als hätte es die Debatten der vergangenen Jahre nicht gegeben. So hatten natürlich auch die CDU-Regierung von Baden-Württemberg und Hessen ihre umstrittenen Wissensfragebögen gezielt vor ihren Wahlen veröffentlicht, um Wählerstimmen zu fischen. Die SPD hielt aus dem gleichen Grund dagegen.