Der Kongo wählt – und ich darf nicht rein. “Eintritt nur mit Ticket. Macht hundert Dollar”, sagt die Empfangsdame im Festsaal des Grand Hotel und mustert den Straßenstaub auf meinen Turnschuhen mit einem Blick, der sagen will: ‘Und für Leute wie Sie zweihundert.’ Meine Beobachtung der Wahl der “Miss Kongo 2006” muss also vor dem Fernseher stattfinden.

19 Kandidatinnen absolvieren das übliche Programm. Die meisten haben sich in den Provinzwahlen qualifiziert. Jetzt staksen Miss Equateur, Miss Bandundu, Miss Katanga und die anderen in Bikinis über die Bühne des besten Hotels der Hauptstadt. Nur das Lächeln sitzt nicht so festgezurrt wie bei den Kolleginnen aus den USA oder Europa. Die meisten Bewerberinnen haben eine mühselige Anreise durch ein kriegszerrüttetes Land hinter sich. In der Provinz Katanga gibt es 160.000 Flüchtlinge nach Kämpfen zwischen Armee und Milizen. Die Stadt Bukavu meldet plündernde Soldaten, der Bezirk Ituri Zusammenstöße zwischen Blauhelmen und Rebellen. Da ist einem nicht immer nach einem strahlenden Lächeln zumute.

“Die Misswahlen, liebe Gäste”, verkündet der Moderator, “dienen der Vereinigung und Versöhnung unseres Landes.” Applaus. Kameraschwenk in den Festsaal. An den Dinnertischen speist die High Society von Kinshasa: Minister, Vizeminister, Präsidentenberater, sowie deren enge und weitere Verwandtschaft; Mobutisten, Kabila-Anhänger und ehemalige Rebellen, die nach sechs Jahren Plünderkrieg zu Politikern mutiert sind; libanesische Diamantenhändler mit drei Handys auf dem Tisch, Schmuggler in feinstem Tuch. Nicht zu vergessen die Jury. Deren Vorsitzende Madame Marie-Madeleine Kalala, Ministerin für Menschenrechte, was ein eher dekorativer Kabinettsposten ist, genießt es an diesem Abend sichtlich, endlich einmal Macht zu haben.

Das Grand Hotel, ein weiß gestrichener Klotz im Stadtteil Gombe, bietet mit Spiel-Casino, Tennisplätzen, Swimming Pools, Bars und Huren der gehobeneren Klasse genau das richtige Ambiente für die Reichen und Mächtigen. Allerdings gab es Zeiten, da hatte die Hotelleitung schlimmere Sorgen, als bei Stromausfall den Champagner für die “Miss Wahlen” kühl zu halten. In den Zeiten der Mobutu-Diktatur hatte der Geheimdienst die besten Zimmer für die Verhöre von Gefangenen beschlagnahmt. Dann, im Mai 1997, als die Rebellenarmee kurz vor der Hauptstadt und das Regime von Mobutu Sese Seko kurz vor dem Ende stand, raste dessen Sohn Kongula, Spitzname “Saddam Hussein”, samt schwer bewaffneter Entourage durch die Hotelflure, um “Verräter” zu erschießen. Der Hoteldirektor entschärfte die Lage, indem er Kongula ein Schnellboot für die Flucht über den Fluss nach Brazzaville besorgte.

Nun bezogen die neuen Machthaber ihre Suiten - Offiziere aus Angola, Ruanda, Uganda, und Zimbabwe (angeblich auch Nordkorea), die Rebellenführer Laurent Kabila zum Sieg verholfen hatten und dafür nicht nur kostenlos im Grand Hotel logieren, sondern auch die unermesslichen Bodenschätzen des Kongo plündern durften: Gold, Diamanten, Erze, Holz, Uran. Nur auf fließend Wasser mussten sie in den ersten Tagen verzichten: In den Leitungsrohren steckten die Uniformfetzen und Mobutu-T-Shirts, die ihre Vorgänger hatten wegspülen wollen.