Washington
Am Ende rief Zacharias Moussaoui in den Gerichtssaal: "Gott verfluche Amerika, Gott schütze Osama bin Laden!" Es dürften die letzten Sätze sein, die Amerika von ihm hören wird. Denn Moussaoui, 37 Jahre alt, soll den Rest seiner Tage hinter Gittern verbringen. Am Mittwochabend wurde er wegen seiner Beteiligung am Terroranschlag vom 11. September 2001 zu lebenslanger Haft ohne die Möglichkeit zu vorzeitiger Entlassung verurteilt. Die Jury hatte sich nach 41 Stunden Beratung, auf mehr als eine Woche verteilt, nicht auf die Todesstrafe einigen können. Es war ein Akt der Verweigerung.

Die Todesstrafe für die Mitschuld am brutalen Massenmord vom 11. September wollten viele. Der Wunsch der Staatsanwälte traf sich mit der Todessehnsucht des geständigen Angeklagten, der sich schon in den Märtyrertod hinein phantasierte. Viele Hinterbliebene unterstützten die Staatsorgane, die auf einem Gerichtsort bestanden hatten, an dem die Todesstrafe legal ist und auch vollstreckt wird. Doch es kam anders. Die Juroren widerstanden dem Druck. Sie bewiesen damit Mut. Einstimmigkeit wäre für ein Todesurteil notwendig gewesen.

Die genauen Gründe der Entscheidung sind nicht bekannt. Auffällig war während des Prozesses aber, dass der Angeklagte mehr zugegeben hatte als die Staatsanwaltschaft nachweisen konnte. So erschien Moussaoui als Angeber, der sich ins Zentrum der Verschwörung vom 11. September rücken wollte. Ohne Zweifel reiste Moussaoui nach Amerika ein, um Menschen zu töten. Aber am 11. September, als Passagierflugzeuge zu Raketen verwandelt wurden und in Hochhäuser flogen, saß Zacharias Moussaoui wegen Bruchs des Einwanderungsgesetzes im Gefängnis. Die Jury mochte ihn nicht in den Tod schicken für das, was er nur tun wollte, aber nicht tun konnte. Und es war auch nicht gänzlich klar, ob Moussaoui in der Lage war, den Anschlag zu verhindern, hätte er sich seinen Wärtern anvertraut. Kurzum: Moussaoui war nicht direkt an der Tat beteiligt und der Umfang seiner Beteiligung an der Planung blieb trotz seines Geständnisses nebulös. Klarheit wäre aber notwendig gewesen, um Moussaoui zum Tode zu verurteilen. Der Jury gelang es, die Ungeheuerlichkeit der Tat von den Zweifeln am Hergang zu trennen.

Den Juroren lag bei der Urteilsfindung ein 42 Seiten langer Fragebogen vor. Die Antworten, die öffentlich wurden, geben wichtige Hinweise auf die Diskussionen innerhalb der Jury. Moussaouis Tatbeteiligung schien drei Juroren nicht "besonders abscheulich, grausam und verkommen" zu sein. Drei Juroren beantworteten die Frage, ob es strafmildernde Faktoren geben, mit folgendem Satz : "Zacarias Moussaoui hat begrenztes Wissen vom Angriffsplan für den 11. September." Und auf die Frage, ob die Handlungen von Moussaoui den Tod von 3000 Menschen zur Folge hatten, ist "nein" angekreuzt. Neun Juroren halten die schwierige Jugend und die Misshandlungen durch den Vater für strafmildernd. Am Ende zogen die Juroren offenbar die Konsequenz aus den eigenen Antworten im Fragebogen. Nicht Gegner der Todesstrafe haben dieses Urteil gesprochen, sondern Anhänger des Rechtsstaates – was in Amerika nicht dasselbe sein muss.

Das Verfahren kennt eine Heldin. Es ist die Richterin, Leonie Brinkema. Sie hat vier Jahre ihres Lebens darauf verwandt, einen Prozess zu führen, der in der amerikanischen Rechtsgeschichte keinen Präzedenzfall kennt. Sie hat die Würde und Unabhängigkeit des Gerichts gewahrt – gegen die Herabsetzungen durch den Angeklagten und gegen die Angriffe der Regierung, die Zeugen die Aussage verweigerte und andere Zeugen zu beeinflussen suchte. Alle Verfahrenstricks der Beteiligten parierte sie und zeigte damit, dass unabhängige Justiz und Rechtstaatlichkeit auch in Zeiten des Terrorismus möglich sind. Die erheblichen Rechte, die Amerikas Justiz Angeklagten gewährt, müssen einer Verurteilung nicht unbedingt entgegen stehen. Darin unterscheidet es sich offenbar vom deutschen Rechtssystem. Zu einer rechtskräftigen Verurteilung von Mitgliedern der "Hamburger Zelle" ist es nicht gekommen.