An unseren Stammtischen ist eines klar: Abgeordnete sind faul, liegen den ganzen Tag am Berliner Spreestrand, und eigentlich weiß auch niemand, was sie genau tun - wenn sie denn etwas tun. Diesen und ähnlichen Ansichten können viele Mitglieder des Bundestages natürlich nur ein müdes Lächeln abgewinnen: Sie haben Arbeitszeiten, die jedem Gewerkschaftsvertreter die Zornesröte ins Gesicht trieben. Doch gibt es natürlich weder Gewerkschaft noch Betriebsrat für Parlamentarier. Und ihren Job ausgesucht haben sie sich auch - die meisten erledigen ihn sogar sehr gerne. Doch mit der Darstellung ihres Tuns in der Öffentlichkeit sind viele Parlamentarier unzufrieden - genau wie ihre Bürger, die nicht mitbekommen, was ihr Abgeordneter in Berlin wirklich treibt. Modell einer neuen Kuppel, in der man sich ab dem Sommer vor dem Reichstag über die Arbeit des Parlaments informieren kann BILD

Dieses Kommunikationsloch will die Berliner Initiative Politik-Digital nun füllen: mit Sie-schreiben-Dir.de startet sie eine Plattform, auf der Bürger ihr Interesse an direkten Informationen ihrer Abgeordneten mitteilen können. Die Funktionsweise entspricht weitgehend der eines Newsletters: Anhand der Postleitzahl werden die Parlamentarier ermittelt, die aus dem eigenen Wahlkreis stammen. Wenn sich 25 Interessenten gefunden haben, wird der Abgeordnete per E-Mail davon in Kenntnis gesetzt und dadurch dezent auf das vorhandene Interesse an seinen Tätigkeiten hingewiesen, ignoriert er die Einladung zum digitalen Plausch, folgt nach weiteren 25 Interessenten erneut eine Benachrichtigung.

Wenn sich ein Abgeordneter zur Teilnahme entschließt, ist er in der Akteursrolle: "Die Agenda wird dabei von den Abgeordneten bestimmt", sagt Christoph Dowe, Geschäftsführer des Vereins. Die Nachrichten aus Berlin können die Nutzer dann direkt in Foren diskutieren - ob sich Politiker oder ihre Mitarbeiter dort ebenfalls zeigen, bleibt ihnen überlassen.

Die Idee stammt aus England: die britische E-Democracy-Initiative mysociety.org startete mit dem Konzept im Herbst letzten Jahres. Mittlerweile haben dort über 16.000 Bürger ihr Interesse an mehr Kommunikation mit ihren Abgeordneten angemeldet, sehr zur Freude der Initiatoren. MySociety-Direktor Tom Steinberg hält das jedoch erst für den Anfang: "Für uns ist die Langfristigkeit wichtiger als die aktuelle Benutzerzahl. Die wirkliche Frage ist, wie groß es in fünf oder zehn Jahren sein wird."

Bei den Abgeordneten kommt die Plattform überwiegend positiv an: "Es ist eine gute Möglichkeit, mit der Wählerschaft zu interagieren", sagt Camilla Drejer, Sprecherin der Labour-Abgeordneten Diane Abbott, "was der Parlamentarier vorhat, und ihr dadurch die Möglichkeit zu geben, selber zu zeigen, was ihnen wichtig ist." Für die oft als "Raumschiff" fernab der Realität verspotteten Parlamentarier bietet die Plattform einen möglichen Rückkanal.

MySociety betreibt eine ganze Reihe von Projekten, die sich mit einer besseren Vernetzung zwischen Politik und Bürgern beschäftigen. So gibt es mit dem Schwesterportal writetothem.com auch das umgekehrte Prinzip: hier schreiben die Bürger an ihre Abgeordneten im Britischen Unterhaus, dem Europäischen Parlament oder Regionalparlamenten.