Lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes. So entschied im zweiten Anlauf eine Schwurgerichtskammer des Landgerichts Frankfurt am Main gegen Armin Meiwes – den "Kannibalen von Rotenburg". Der Verurteilte schien das Urteil ohne Zeichen emotionaler Regung aufzunehmen. Nüchtern verlas auch der Vorsitzende Richter, Klaus Drescher, die Urteilsbegründung.

Das Gericht befand, Meiwes habe bei der Tötung des etwa gleichaltrigen Bernd-Jürgen Brandes zwei Mordmerkmale erfüllt: erstens zur Befriedigung des Geschlechtstriebs und zweitens zur Ermöglichung einer weiteren Straftat, der Störung der Totenruhe. Er verdiene deswegen die zwingend vorgesehene und hier schuldangemessene Höchststrafe.

Der Vorsitzende erklärte, es liege trotz des Einverständnisses des Opfers keine Tötung auf Verlangen mit der niedrigeren Strafandrohung von bis zu fünf Jahren vor, wie es die Verteidigung anstrebte. Die Einwilligung von Brandes sei zwar Voraussetzung für die Tötungsbereitschaft von Meiwes gewesen, jedoch nicht das für ihn entscheidende Motiv.

Dieses habe im Schlachten und Verzehren seines Partners gelegen – was durchaus seiner schweren Persönlichkeitsstörung entsprochen habe. Der Sachverständige Prof. Beier hat nämlich schizoide Züge festgestellt: eine Unfähigkeit zu menschlicher Bindung und den in die Kindheit zurückreichenden Drang, einen sympathischen jüngeren Mann an sich zu binden und einzuverleiben. Das Fleisch eines Mannes als Fetisch, das Motiv also eigennützig.

Insoweit befand sich die Frankfurter Strafkammer im Einklang mit dem Kasseler Gericht im ersten Urteil, das ebenfalls Tötung auf Verlangen verneint hatte. Und die Frankfurter Richter folgten der Wertung des Bundesgerichtshofs in der Revisionsentscheidung, der das Urteil aus Kassel wegen bloßen Totschlags zu achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe aufgehoben hatte. Dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft, es läge auch Mord wegen niedriger Beweggründe vor, weswegen eine besondere Schwere der Schuld festgestellt werden müsse, widersprach das Schwurgericht vor allem wegen der Einverständlichkeit im Töten.

An der trotz seiner krankhaften Persönlichkeitsstörung vorliegenden vollen Verantwortlichkeit des Täters – übrigens gleichfalls des Opfers, das an extremem Masochismus mit Selbstvernichtungstendenz litt – hatte die Kammer ebensowenig Zweifel wie es die psychiatrischen Gutachter und vorangegangenen Entscheidungsinstanzen hatten. Auch lehnte das Gericht ein ausnahmsweises Abweichen vom Lebenslänglich wegen Unverhältnismäßigkeit der Höchststrafe angesichts der Einverständlichkeit zwischen Täter und Opfer ab.

Das Frankfurter Urteil entspricht sicherlich den überwiegenden Erwartungen der Öffentlichkeit: Solch ein Kannibale ist rückfallgefährdet, abscheulich und muss dauerhaft hinter Schloss und Riegel. Die Entscheidung liegt außerdem voll auf der Linie, die das Revisionsgericht vorgezeichnet hatte. Und gewiss hat es sich die Kammer nicht leicht gemacht, in den 18 Verhandlungstagen seit dem 12. Januar. Auch gibt es keine Präzedenzfälle – diese Tat ist in der vollen Abstimmung zwischen Täter und Opfer, ja einer von beiden vertragsähnlich gestalteten gemeinsamen Inszenierung der Tat bisher einzigartig. Aber für den Kriminalwissenschaftler – und nicht nur ihn – verbleiben erhebliche Zweifel an der korrekten Rechtsanwendung, an der angemessenen Zuordnung im System der gesetzlichen Tötungstatbestände und an der gerechten Bestrafung.