Dienstagmittags, unter grünem Stoffdach im Garten der Parlamentarischen Gesellschaft: "Wie bitte, Krise der Großen Koalition?", Seitenblick auf den Reichstag, "eher muss man Angst haben, dass sie zu bräsig wird", sagt die SPD-Frau. Will heißen: Das Problem der Großen Koalition sind nicht die kleinen Hakeleien der vergangenen Tage, sondern drohende Selbstzufriedenheit bei gleichzeitigem Umschiffen der großen Reformen.

Mag sein, dass ein paar Medienkollegen zündeln wollen, weil der politische Alltag ihnen zu langweilig scheint. Die Themen Föderalismus- und Gesundheitsreform sind gerade in der Wiederholungsschleife oder hinter verschlossener Tür, für manchen ermüdend. Wenigstens sorgt Norbert Röttgen für etwas Furore, mit seinem Wechsel aus der Spitze der Unionsfraktion in die des BDI. Doch daraus wiederum ein weiteres Anzeichen für eine Krise der Union oder der scheinbar schwachen Merkel herauszulesen, wäre ebenso übertrieben wie den anschwellenden Bocksgesang der CDU-Ministerpräsidenten gegen die scheinbar zu sozialdemokratische Kanzlerin allzu ernst zu nehmen. Röttgen hat wie Friedrich Merz schlicht seine Konsequenz daraus gezogen, bei der Postenvergabe in der ersten Reihe von Merkel übergangen worden zu sein. Eine Personalie, mehr nicht.

Das Geschrei der CDU-Länderchefs wiederum gehört in die Kategorie der inszenierten Konflikte, die allen Seiten nutzen. Sogar SPD-Fraktionschef Peter Struck schaffte es damit mal wieder in die Schlagzeilen, indem er die Kanzlerin ganz väterlich vor ihren Ministerpräsidenten in Schutz nehmen durfte - man möge doch ihre Richtlinienkompetenz beachten.

Dass die Koalition bald zu bräsig und wohlgenährt erscheint, darum kann man sich eher Sorgen machen, gerade in dieser ersten Woche des neuen SPD-Parteivorsitzenden, dem Wohlfühlpaket für alle: Koalitionserfahrener Garant der Verlässlichkeit für die CDU, oppositionserstickender Freund der FDP und Seelenbalsam für die SPD-Parteibasis - Kurt Beck versammelt das alles in einem. Nebenbei beendet er das Machtvakuum der SPD , weil Franz Müntefering auf ihn hört. Der personifizierte Kompromiss. Dazu eine Kanzlerin, die jenseits aller Ideologie inzwischen ganz einfach Ergebnisse erzeugen will und deswegen offen sein muss für Kompromisse aller Art, wie man in ihrem Umfeld nicht ohne Erstaunen bemerkt.

Anscheinend tat sich die Merkel am leichtesten mit der in vielen Punkten rot-grünen Umsetzung der Antidiskriminierungs-Richtlinien der EU, während die CDU-Ministerpräsidenten zeterten und Merkels ehemaliger Generalsekretär und Vertrauter Laurenz Meyer mitten in der Fraktionssitzung aufstand und sagte, die Richtung sei dieses Mal grundfalsch. Merkel war allerdings darüber vorab informiert und hatte nur gebeten, er möge "Maß halten". Das ist mehr als stilles Einvernehmen. "Es geht jetzt ans Eingemachte", sagt Laurenz Meyer ZEIT online, da müsse man mal Position beziehen.

In diesem Fall haben also die CDU-Mannen die Parteiinteressen bedient, die Merkel als Anführerin der vereinten schwarz-roten Ministerriege nicht so deutlich machen kann. Die Union hatte Jahre damit verbracht, das über die EU-Vorgaben hinausgehende rot-grüne Antidiskriminierungsgesetz zu blockieren, ganz im Interesse der Wirtschaft. Daher konnte sie nicht geräuschlos über den nun gefunden Kompromiss hinweggehen. Die Kritik, die Angela Merkel öffentlich in Richtung SPD und deren angeblich mangelnde Reformbereitschaft losließ, war deswegen auch eher ein Signal an die eigene Partei. "Was Merkel gesagt hat, war schlicht notwendig, um die Befindlichkeit der Partei zu spiegeln", heißt es in der Fraktionsspitze.