Am Montag traten Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) in Berlin gemeinsam vor die Presse, um für das Jahr 2005 die "Polizeiliche Kriminalstatistik" (PKS) vorzustellen. Darin ist zunächst durchaus Positives zu verzeichnen: Mit insgesamt exakt 6.391.715 Delikten ist die polizeilich registrierte Kriminalität in Deutschland um 3,6 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig ist die Aufklärungsquote im Vergleich zu 2004 (54,2 Prozent) nochmals leicht um 0,8 Prozent gestiegen und liegt nun bei 55 Prozent. Damit wurden seit der Erstellung der PKS 1993 noch nie so viele Verbrechen aufgeklärt wie im vergangenen Jahr.

Bei diesen Zahlen ließen es sich die beiden Unionspolitiker nicht nehmen, ihren Dank gegenüber den rund 280.000 Polizisten von Bund und Ländern auszusprechen, die laut Schäuble "täglich mit großem Engagement einen oft schwierigen Dienst tun". Sein Kollege aus Bayern pflichtete ihm bei und sprach davon, dass die PKS 2005 vor allem das "Ergebnis der professionellen Arbeit unserer Polizei" widerspiegele. "Das Engagement der Beamten und die hohen technischen Standards sind dafür verantwortlich." Beckstein nannte etwa die DNA-Analyse, die heute zum Standard der Polizeiarbeit gehört, und bezeichnete diese als den "Fingerabdruck des 21. Jahrhunderts".

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, trat solchen Streicheleinheiten aber bereits im Vorfeld entgegen und warnte, dass die nun veröffentlichten Daten kein Grund zur Entwarnung seien. "Die Dunkelziffer der nicht erfassten Kriminalität wird immer größer. Dafür ist der anhaltende Personalabbau verantwortlich." So gebe es etwa zu wenig Personal für die Bekämpfung der Organisierten und der Internetkriminalität.

Gerade Letztere ist einer der Bereiche, in denen weder Politik noch Polizei aufatmen können. Im Gegensatz zu den Bereichen Mord und Totschlag, Straßenkriminalität, Diebstahl, Raub  und Drogenkriminalität ist die Anzahl der Betrugsdelikte weiterhin überproportional gestiegen. Besonders betroffen sind dabei Waren- und Warenkreditbetrug (plus 11,5 Prozent) und Computerbetrug (plus 11,9 Prozent). Nach Erkenntnissen des Bundesinnenministeriums geht diese Entwicklung auf ein verändertes Einkaufs- und Konsumverhalten zurück. Es ist in gewisser Weise die Kehrseite der rückläufigen Diebstahlszahlen: Waren werden nicht mehr im Geschäft gekauft (oder geklaut), sondern immer mehr anonym über das Internet bestellt. An die Stelle des klassischen Ladendiebstahls treten deshalb vermehrt Eigentumsdelikte per Computer.

Auch bei der Kinderpornografie haben es die Ermittler vermehrt mit Tätern vor dem PC-Bildschirm zu tun, die sich über das Internet mit einschlägigen Bildern und Adressen versorgen. Eine Spezialabteilung des Bundeskriminalamtes versucht, dagegen anzugehen. Ihr ist es aber nicht gelungen, den Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie merklich einzudämmen. Im Gegenteil: Wie 2004 kam es auch im vergangenen Jahr mit plus 56,4 Prozent zu einem erheblichen Anstieg.

"Das alles ist sicherlich kein Grund zum Zurücklehnen", sagte Schäuble.  Die Zahlen der registrierten Gewaltverbrechen bestätigt diesen Eindruck: Insbesondere die Zahl der gefährlichen und schweren Körperverletzung (plus 5,3 Prozent) hat zugenommen. Besorgnis erregend ist aber auch die hohe Dunkelziffer. Gewalt vor allem in der Familie oder in anderen engen sozialen Beziehungen wird bisher unterdurchschnittlich zur Anzeige gebracht. Mit dem 2002 in Kraft getretenen Gewaltschutzgesetz und einer Reihe von präventiven Maßnahmen sowie breiten Aufklärungskampagnen soll die Öffentlichkeit hier noch stärker sensibilisiert werden.