Der Straßenverkehr hat, mehr noch als der Fußball, meinungstechnisch einen großen Vorteil: Jeder hat dazu, ohne Fachmann sein zu müssen, aus eigenem Erleben eine Ansicht und weiß, wovon der Verkehrsminister redet. Und so wie fast jedermann kurz vor der WM die Einschätzung teilt, um dem deutschen Fußball habe es noch nie so schlecht gestanden wie heute, so stellt sich in einer privaten Umfrage schnell heraus, dass auf deutschen Autobahnen und in deutschen Städten noch nie so viel gerast, gedrängelt und gegen jede Verkehrsregel verstoßen wurde.

Wolfgang Tiefensee, ein bis dato wenig in Erscheinung getretener Minister, greift mit seinem Vorstoß also eine weit verbreitete Stimmung auf. Applaus ist ihm sicher, kaum jemand hält seine Idee per se für unsinnig - eine günstige Lage für einen Politiker -, außer natürlich der ADAC, der stets reflexhaft freie Fahrt fordert und deshalb hier nicht ernst zu nehmen ist.

Auch in den Zeitungsredaktionen hat der Minister die große Mehrheit der Auto fahrenden, Fahrrad lenkenden oder als Fußgänger unter den ersten beiden Typen leidenden Kollegen auf seiner Seite. Die Motorjournalisten, die gerne PS-starke Boliden testen, halten sich offenbar bewusst zurück. In Frage gestellt wird allenfalls, ob die Tiefensee'schen Forderungen reichen, um wieder für mehr Ordnung und Vernunft auf den Straßen zu sorgen.

Die Lausitzer Rundschau jedenfalls könnte sich noch härtere Strafen für Autobahndrängler und Temposünder vorstellen – bis zur ultimativen: "Wer andere mit Vorsatz gefährdet, muss hart bestraft werden. Mit einer hohen Geldbuße, mit einem Fahrverbot oder in ganz schlimmen Fällen auch mit totalem Führerscheinentzug." Denn: "Wenn Gesundheit oder das Leben anderer Verkehrsteilnehmer gefährdet werden, ist das weiß Gott kein Kavaliersdelikt mehr, sondern schlicht die vorsätzliche Gewalttat einer unreifen Persönlichkeit."

Die Neue Osnabrücker Zeitung macht sich ebenfalls eigene Gedanken über einen schärferen Strafenkatalog: "Abschreckender als jede Geldbuße ist ein rascheres und längerfristiges Einziehen des Führerscheins - zum Beispiel über ein verschärftes Punktesystem." Parallel dazu, findet das Blatt, "müssen aber auch die Kontrollen ausgedehnt werden, will Tiefensee beachtliche Erfolge erzielen."

Der Berliner Kurier bringt als Boulevardblatt seine Unterstützung für den populären Vorstoß auf eine knappe Formel: "Rote Kelle raus. Geldbörse auf - und ordentlich zahlen." Als Hauptstadtzeitung mit vielen Lesern auch unter Rentnern möchte es der Kurier aber nicht bei den Rowdys auf vier Rädern bewenden lassen. "Dazu gehören auch die wild gewordenen Radfahrer auf Fußwegen und in den Parks. Auch hier muss die Regel heißen: Polizeikelle raus, Geldbörse auf. Und notfalls Rad weg!" Jawoll!!

Die Münchner Abendzeitung , wiewohl auch vom Boulevard, ist da etwas skeptischer, was die grobe Kelle betrifft, und hat – auch in Bayern kennt man sich aus – einen Alternativvorschlag: "Was Wolfgang Tiefensee plant, ist politisch korrekt, deckt sich aber nicht unbedingt mit der Lebenswirklichkeit. Besser, als jetzt nach noch mehr Polizisten und noch höheren Strafen zu rufen, ist es, über die Ursachen nachzudenken. Und für das Alltagsproblem Drängeln gibt es eine einfache Abhilfe: Weg mit dem Verbot, rechts zu überholen - zumindest auf Strecken, die geschwindigkeitsbeschränkt sind. In den USA klappt das auch - ohne Drängeln und ohne Stress für beide Seiten."