Chefredakteure wie Abraham Michael Rosenthal, der am Mittwoch im Alter von 84 Jahren gestorben ist, werden nicht mehr hergestellt - nicht in Amerika, und schon gar nicht in Europa. Siebzehn Jahre lang, von 1969 bis 1986, hat er die New York Times geleitet; angefangen hat er ganz unten - ohne Geld und Universitätsabschluss.

Der Einwanderersohn (sein Vater war ein Trapper in Kanada) begann seine Karriere als 21 Jahre alter Bettelstudent, der sich den Unterhalt als Campus-Korrespondent am New Yorker City College verdienen musste. Dass er selbst diesen ersten Schritt schaffte war schon ein Wunder. Als Teenager hatte er an einer mörderischen Knochenmark-Krankheit gelitten; nach dem frühen Tod des Vaters war die Familie zu arm, um sich die richtigen Operationen leisten zu können. Zu seinem Glück nahm sich die Mayo Klinik seiner umsonst an. Die nächsten Stationen: Abbruch des Studiums, Lokalreporter, Korrespondent in Indien und Polen (wo er aus dem Land geworfen wurde), Genf und Tokio, dann Lokalchef, schließlich Chefredakteur und nach seiner Pensionierung Kolumnist.

Alle kannten ihn nur unter dem Namen „Abe“ Rosenthal. Ein freundlicher Mensch - oder wie man heute sagt: ein „vermittelbarer“ - war er nicht. In einem ellenlangen Nachruf der New York Times heißt es: „Brillant, leidenschaftlich, aggressiv, ein Mann von übler Laune und unberechenbarem Temperament“, sei Rosenthal gewesen, einer „der in einem Atemzug kühl die Weltpolitik analysieren und im nächsten einen Unterling wegen irgendeines Fehlers erniedrigen konnte“.

Trotzdem brach unter seinem Regiment eine Blütezeit für die New York Times an. Ende der 1960er Jahre war die Times sozusagen verarmter Adel. Vornehm, aber langweilig. Die Bilanz näherte sich den roten Zahlen, die Auflage stagnierte. Rosenthals erster Coup war die Veröffentlichung der „Pentagon Papers“, eines geheimen Regierungsreports, der auf 7000 Seiten die Verwicklung aller amerikanischen Nachkriegsregierungen in Vietnam aufführte - und nebenher erkennen ließ, dass Washington das Ausmaß der schleichenden Eskalation stets kleingeredet hatte.

Sollte man die Pentagon-Papers veröffentlichen und Knast riskieren? Als der Verleger, Arthur Ochs Sulzberger, zur Entscheidungsfindung die Dokumente persönlich lesen wollte, tauchte Rosenthal grinsend mit einem Einkaufswagen voller Papier in dessen Büro auf. Ob Sulzberger die Ladung selber geprüft hat, ist nicht überliefert. Aber er gab Rosenthal recht und widersetzte sich dem Druck der Regierung Nixon. Zum Glück für die Times gab auch der Oberste Gerichtshof dem Chef recht, indem er der Pressefreiheit Vorrang vor der nationalen Sicherheit einräumte.

Nach diesem Triumph stieg A.M. zum unangefochtenen Herrscher (andere sagen: Diktator) des Blatts auf. Der heutige Leser weiß es nicht mehr, aber der moderne Look der Times war „ made by Abe “. Ursprünglich hatte das Blatt nur zwei „Bücher“. Unter Rosenthal kam eine neue Sektion nach der anderen hinzu. Aus zwei Büchern wurden vier, jeder einzelne Wochentag bekam sein eigenes Extra-Buch: Sports Monday , Science Times am Dienstag, Living am Mittwoch, Home am Donnerstag, Weekend am Freitag.

Logisch, dass seine Gegner ihm Boulevardisierung ankreideten, aber nicht die Leser und Werbeagenturen. Allein im ersten Jahr nach Rosenthals Amtsantritt stiegen die Werbeeinnahmen von 87 auf 118 Millionen. Quer durch Amerika wurden die Neuerungen imitiert.

Übelgelaunt und aggressiv, wie es ihm nachgesagt wurde, erwies sich A.M. als begnadeter Talentsucher und Einpeitscher. Unter seiner Ägide heimste die Times 24 Pulitzer-Preise ein - die höchste Auszeichnung im amerikanischen Journalismus. Die „alte Tante“ wurde geradezu hip.

Zitieren wir deshalb noch einmal den Nachruf aus dem eigenen Blatt: „In Regierungs-, Wirtschafts- und Journalistenkreisen wurde Mr. Rosenthal im Laufe der Zeit als einflussreichster Chefredakteur des Landes, ja der ganzen Welt eingestuft. Der einzige Rivale war vielleicht Benjamin Bradlee, sein Kollege bei der Washington Post.“ Die Post hat bekanntlich den Watergate-Skandal aufgedeckt.

In seiner letzten Kolumne (1999) schrieb sich A.M. selber ein Obituarium: „Als Kolumnist habe ich Leidenschaften entdeckt, derer ich mir nicht bewusst war. Sie waren gut versteckt unter den Fetzen des Wissens, die ich als Chefredakteur angesammelt hatte - von Hockey bis zu Schuldverschreibungen, um Himmelswillen!“ Dann: „Ich danke Gott dafür, dass er mich zum amerikanischen Staatsbürger gemacht und mir diesen Studentenjob bei der Times verschafft hat.“

Rosenthal starb am Mittwoch in New York an den Folgen eines Schlaganfalls im Alter von 84 Jahren.