Man muss es Tony Blair lassen, an Courage mangelt es dem Premier nicht. Als hätte er nicht schon genug Probleme mit seiner Partei, in der viele ihn lieber heute als morgen in die Wüste schicken würden, stieß er sie nun noch einmal kräftig vor den Kopf mit seinem klaren Bekenntnis zur Atomenergie. Aber Tony Blair, das Ende seiner Karriere vor Augen, ist entschlossen, das zu tun, was er langfristig für absolut notwendig erachtet. Großbritanniens Energieversorgung bedarf eines substanziellen nuklearen Anteils, und der soll bleiben.

Die britischen AKWs, die 20 Prozent des Stroms produzieren, kommen in die Jahre. Wenn nichts geschieht, wenn man nicht bald neue Reaktoren baut, wird der atomare Anteil an der Erzeugung von Elektrizität bis zum Jahr 2020 auf 7 Prozent sinken. Also bedarf es neuer Meiler, um nicht eine gefährliche Energielücke entstehen zu lassen. Tony Blair hat Recht: Es reicht nicht, sich auf etablierte fossile Energieträger wie Gas und Öl zu verlassen, schon gar nicht angesichts der unbequemen Tatsache, dass sich Großbritannien - wie andere Staaten des Westens - in immer stärkere Abhängigkeit von Ländern und Regionen begeben würde, die politisch instabil, wenn nicht gar feindselig sein könnten. Auch ist es nicht damit getan, stärker als bislang geschehen, alternative Energietechniken wie Windkrafträder, Gezeitenkraftwerke oder Solarpanels zu fördern. Ohne Atomkraftwerke wird der Bedarf an Energie nicht zu decken sein. Das ist ein Fazit, das nicht allein für Großbritannien gilt, ein Land, das immer noch einen - wenn auch schrumpfenden - Teil seines Bedarfs an Öl und Gas aus eigenen Ressourcen in der Nordsee zu decken vermag. Andere Länder werden in Zukunft zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangen.

Ein nukleares Comeback ist unausweichlich. Mancherorts, etwa in Frankreich, das rund 80 Prozent seines Strom nuklear produziert, hat man das nicht nötig. Anderswo aber, etwa in Finnland, hat man sich bereits für den Bau neuer AKW entschieden. Auch China und Indien werden Atomkraft in Zukunft stärker nutzen, um den Energiehunger ihrer dramatisch wachsenden Volkswirtschaften zu stillen.

Die britische Wende entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Unaufhörlich haben auch hier Umweltschützer und Klimaforscher die heraufziehende Klimakatastrophe beschworen, Kyoto zum heiligen Gral internationaler Politik erklärt und auf eine rapide Reduzierung der Emissionen von Treibhausgasen wie Kohlendioxid gedrängt. Tony Blair gehörte lange zu den führenden Advokaten von Kyoto, auch wenn er, fast unbemerkt, von diesem Kurs in den vergangenen 12 Monaten abgewichen ist. Das Comeback der Atomenergie ist in gewisser Weise auch die logische Folge einer massiven, oft allzu apokalyptisch daherkommenden Klimakampagne. Wenn unsere Emissionen tatsächlich zu katastrophischer Erwärmung führen werden, ist es höchste Zeit, einen Energieträger zu fördern, der keine Treibhausgase produziert.

Doch wäre es ein Irrtum, sich allein von der Furcht vor Klimawandel zu einer atomaren Renaissance verleiten zu lassen. Die Zahl der Menschen wächst wie der Hunger auf Energie , und das just zu einer Zeit, in der Öl, über viele Dekaden Energieträger Nummer 1, teurer und knapper wird. Öl ist eine endliche Ressource, wer immer im Streit der Experten über den Umfang globaler Reserven Recht hat. Unbestreitbar ist auch, dass es immer schwerer wird, den Öldurst einer Welt zu stillen, in der China binnen kürzester Frist zum zweitgrößten Ölimporteur aufstieg. Derzeit vermag selbst die Förderung an der oberen Grenze der Kapazitäten die rasante Nachfrage nur mühsam zu befriedigen. Die goldenen Zeiten billigen Öls sind vorbei.

Woraus sich ergibt: Alle verfügbaren Alternativen müssen genutzt, alle neuen Technologien gefördert werden – neue umweltschonende Kohletechnologien wie auch die Kernfusion, obgleich die Milliardensummen, die bisher in die Kernfusion gesteckt wurden, nach mehreren Dekaden immer noch kein greifbares Ergebnis erbracht haben. Doch ist es erst einmal so weit, steht eine praktisch unerschöpfliche, und überdies saubere und im Betrieb billige Energietechnik zur Verfügung. Doch bis dahin? Bis dahin führt an der Atomenergie kein Weg vorbei.