Einmal keinen Fehler machen. Das wäre immerhin ein Anfang im Kampf gegen die deutsche Regulierungswut. Das sagt einer, der sich schon lange damit auseinandersetzt, wie man Bürokratie abbauen könnte. Doch obwohl sich seit 1980 alleine auf Bundesebene acht verschiedene Kommissionen mit diesem Thema beschäftigt haben, hat sich kaum etwas verändert. Jedenfalls spüren Bürger und Wirtschaft es nicht. Auch der bislang letzte Versuch, den in der vergangenen Legislaturperiode der damalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement unternahm , verlief weitgehend im Sand.

Doch wenige Monate später scheint alles anders zu sein. An diesem Donnerstag liest der Bundestag zum ersten Mal den Entwurf zu einem " Gesetz zur Einsetzung eines Normenkontrollrats ". Mithilfe dieses Rates will die Große Koalition den Verwaltungswust lichten. Bei keinem anderen Thema sind sich die Vertreter der beiden Volksparteien so einig wie in dieser Frage.

Doch unter den Abgeordneten herrscht mitnichten allgemeine Euphorie. Da ist beispielsweise der Sozialdemokrat Rainer Wend. Er ist wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion und beschäftigt sich schon lange mit dem Bürokratieabbau. Auch Wend hält für sinnvoll, was Bundesregierung und Fraktionen gegenwärtig planen: Bürokratiekosten abzubauen, indem der geplante Normenkontrollrat Gesetze auf ihre Kostenwirkung hin überprüft und Verbesserungsvorschläge macht. "Die Substanz des Gesetzentwurfs ist soweit richtig", sagte Wend zu ZEIT online . Doch gleichzeitig warnt er vor überschießender Begeisterung. "Es ist ja nicht so, dass die Beamtenbürokratie dem gegenüber immer positiv gestimmt ist." Immerhin müssten im Verlauf der Reform Aufgaben abgeschafft werden, für die in den Ministerien einzelne Leute zuständig seien. Deshalb erwarte er einen nicht unerheblichen Widerstand aus der Verwaltung. "Es gibt Eigeninteressen des Apparats."

Michael Fuchs ist da schon freudiger gestimmt. Auch der Christdemokrat kämpft seit vielen Jahren  gegen Bürokratismen, die die Wirtschaft unnötig beschweren. " Anders, als Bürokratiekosten zu senken, können wir die Wirtschaft kaum effektiv entlasten ", sagte Fuchs zu ZEIT online . Deshalb müsse das Gesetz so schnell als möglich umgesetzt werden. "Wir haben versprochen, dass wir etwas bewirken wollen", sagt er und verweist auf den Koalitionsvertrag . Dass es schwierig werden kann, zu Ergebnissen zu kommen, leugnet auch Fuchs nicht. "Beim Bürokratieabbau ist es wie beim Subventionsabbau: Alle wollen ihn, nur nicht bei sich." Doch die Chance sei nie so groß gewesen wie jetzt, dass sich wirklich etwas ändert. Immerhin habe Angela Merkel den Bürokratieabbau zu einem zentralen Anliegen ihrer Kanzlerschaft erkoren.

Tatsächlich treibt die Kanzlerin das Thema voran. Kaum eine Rede ohne einen entsprechenden Hinweis. Meistens klingt das so: "Wir müssen unsere staatlichen Aufgaben, unsere Verfahrensweisen und die Bürokratie verschlanken, nicht nur aufgrund der Wirkung auf die Wirtschaft, sondern auch zur vitalen Optimierung der Verwaltungs- und Verfahrensabläufe." Merkel drängt zur Eile. Am Donnerstag gab sie in ihrer Regierungserklärung zur Europapolitik das erste Mal ein konkretes Sparziel vor: 25 Prozent der bürokratischen Reglementierungen in der EU und in Deutschland könnten abgebaut werden, sagte die Kanzlerin. Sobald das Gesetz beschlossen ist, will sie den Normenkontrollrat einsetzen - möglichst noch vor der Sommerpause. Lieber noch wäre es ihr vermutlich gewesen, die Sache ohne ein besonderes Gesetz zu regeln. Doch die Fraktionen argumentierten, nur so könne dem Anliegen der nötige Nachdruck verliehen werden.

Acht Fachleute aus Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft sollen also bald schon ihre Kontrollen beginnen und der Kanzlerin persönlich von ihren Ergebnissen berichten. Machtpolitisch sei dies die beste Konstruktion, sagt Hermann Hill von der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Nur eine zentrale Stelle könne den nötigen Überblick gewinnen, um gegen detailversessene Fachleute argumentieren zu können - die gibt es sowohl in den Ministerien als auch im Parlament. Und wo sollte der Platz für ein solches Gremium anders sein als im Kanzleramt?

Doch schon fürchten Kritiker, die Expertenrunde werde viel zu groß und die Plätze könnten wieder einmal nach Proporz vergeben werden. Diese Gefahr sieht auch Hill. In den Niederlanden, das der Koalition als Vorbild dient , besteht ein entsprechender Rat gerade einmal aus drei Mitgliedern. Doch in der größeren Zahl liege auch eine Chance, weil verschiedene Fächer und Berufe dort vertreten sein können, sagt Hill. "Die Entscheidungen des Rates sollen ja auch Resonanz  in den Fachministerien finden." Dazu sei es wichtig, dass Kontrollräte und Beamte dieselbe Sprache sprechen. "Die Kultur der einzelnen Häuser unterscheidet sich stark voneinander."