Wenn Thierry Henry morgens zum Trainingsgelände des FC Arsenal London fährt, erwartet ihn dort in der Regel bereits eine Meute aus Fans und Journalisten. Meist sind die Rollen so verteilt, dass die einen Autogramme, die anderen Antworten auf dringende Fragen wollen. In den letzten Monaten fordern die Fans zwar immer noch Autogramme vom Star der "Gunners", aber sie stellen mittlerweile auch dieselben Fragen wie Journalisten, nämlich genau eine: "Wo spielst Du in der kommenden Saison?" Eine typische Antwort lautet: "Derzeit konzentriere ich mich nur auf die Spiele, die vor mir liegen. Die Entscheidung über meine Zukunft habe ich zurzeit ausgeblendet."

Eine Antwort, die für die versammelte Menge äußerst unbefriedigend ist, die man aber hinnehmen muss. Die einen denken sich dann etwas aus, was sie wohl zwischen den Zeilen gelesen haben wollen, und lassen es die informationshungrige britische Öffentlichkeit am nächsten Tag wissen, die anderen freuen sich über ihr Autogramm und spekulieren darüber, was es wohl mal wert sein wird, falls Thierry Henry tatsächlich, wie von vielen Anhängern Arsenals befürchtet, zum Saisonende den Verein verlassen wird.

Szenenwechsel: Spanien. Unter der Sonne Kataloniens finden sich die Spieler Barcelonas zur Übungseinheit ein, unter ihnen Ronaldo de Assis Moreira, kurz Ronaldinho. Neben seinem gewinnenden Lächeln begeistert er seine Fans und andere Experten zumeist mit seiner Ballbehandlung und der Leichtigkeit, mit der er das Spiel mit dem runden Leder beherrscht. Auch er kann sich vor Autogramm- und Interviewanfragen kaum retten, meistert diese aber, ohne dabei das ihm eigene Lächeln jemals zu verlieren.

Lieblingsfrage: "Denken Sie, dass Thierry Henry in der nächsten Saison mit Ihnen in einem Team spielt?" – Lieblingsantwort: "Thierry Henry ist einer der besten Fußballspieler der Welt, er würde mit Sicherheit gut in unsere Mannschaft passen." Da unter den anwesenden Fragestellern in den vergangenen Monaten auch immer häufiger einige Vertreter der britischen Presse waren, erfährt die informationshungrige britische Öffentlichkeit am nächsten Tag: "Henrys Wechsel zum FC Barcelona ist so gut wie sicher."

So weit die Vorgeschichte zum Aufeinandertreffen zweier Fußball-Superstars im Champions-League-Finale im Pariser Stade de France. Natürlich gibt es auch weitere Aspekte, die dieses Spiel zu einem ganz besonderen machen könnten. Nicht wenige Beobachter halten den FC Barcelona für die derzeit stärkste Vereinsmannschaft der Welt, zumindest ist der katalanische Traditionsclub die offensivstärkste Mannschaft der diesjährigen Champions League. Ihr Gegner, der Arsenal FC aus dem Norden Londons, ebenfalls mit einer langen erfolgreichen Tradition ausgestattet, verfügt über die beste Abwehr im diesjährigen Wettbewerb und stellte auf dem Weg ins Finale einen neuen Rekord auf.

Arsenal hat in den letzten zehn Begegnungen kein einziges Gegentor hinnehmen müssen, ein Umstand, dem es Jens Lehmann, der einzige Deutsche im Finale, verdankt, dass er bei der WM das Tor der deutschen Nationalmannschaft hüten darf. Doch hinter dem antizipierten "Privatduell" der Protagonisten Ronaldinho und Henry geraten diese Fakten in den Hintergrund. Ronaldinho ist in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge zum Weltfußballer des Jahres gewählt worden, neben dem Gewinn der Champions-League so ziemlich der einzige Titel, der seinem Rivalen Thierry Henry bisher verwehrt geblieben ist. Dieser kann sich aber mit diversen Meister-, Pokal- und nicht zu vergessen einem Welt- und Europameistertitel trösten, was ja auch nicht ganz schlecht ist. Hinzu kommt eine Vielzahl an Auszeichnungen als Englands und Europas bester Torschütze.

Beide scheinen für ihre Teams, ganz unabhängig von persönlichen Ehrungen, einfach unersetzlich. Ronaldinho ist Barcelona, Thierry Henry ist Arsenal, nicht mehr und nicht weniger. Und das, obwohl beide Teams noch über eine Vielzahl weiterer Spieler verfügen, die in jeder anderen Mannschaft selber das Prädikat "Star" verdient hätten. Umso erstaunlicher, dass das herausragende Merkmal der zwei Finalisten in dieser Saison die mannschaftliche Geschlossenheit war. Keine Missgunst oder persönliche Eitelkeiten, vielmehr betonen die Mitspieler der beiden Ausnahmekönner, was für eine Ehre und Vergnügen es sei, neben diesen spielen zu dürfen.

Gewinnen kann am Ende leider nur eine Mannschaft, und nur einer der beiden Stars des Abends wird seiner Titelsammlung ein weiteres Kleinod hinzufügen können. Gewonnen hat aber in jedem Falle bereits der Zuschauer, der im Finale zwei herausragende Vertreter einer Fußballkunst bewundern darf, die nur noch von wenigen Teams und Spielern beherrscht wird. Freuen Sie sich auf ein Fußballfest!