Seit der Ankunft in Bombay war Moona wie gelähmt. Sie brachte kaum ein Wort über die Lippen. Ihre indische Verwandtschaft hatte einen Bus gemietet, um sie und ihren Mann, ihren Bruder und ihren Vater vom Flughafen abzuholen. Die fast 20 Menschen brachen in Tränen aus, als sie ihren Vater begrüßten. 30 Jahre lang hatten seine Geschwister und Cousins ihn nicht gesehen. Moona fühlte sich fremd, obwohl die weinenden Gesichter dem ihren so ähnlich waren.

Die Familie hatte den Gästen eine Wohnung gemietet, in der sich das Notwendigste befand - unter anderem ein Fernseher, eine lange Couch und mehrere Sessel im kühlen Flur. Jeden Morgen kam die Familie zu Besuch, packte übereinander gestapelte Emailleschüsseln mit Vorgekochtem aus und ließ sich bis zum Abend in den Polstern nieder. Moonas Vater war der Einzige, der sich nicht setzte. Er schritt den Flur auf und ab und erzählte gestikulierend Geschichten in indischem Dialekt. Zwischendurch wechselte er ins Englische, um seine Kinder und den Schwiegersohn einzubeziehen.

Die Cousins und Schwestern des Vaters, deren Kinder und Enkelkinder hörten zu, oder redeten gleichzeitig auf ihn ein. Der Fernseher wurde erst am Abend ausgestellt, wenn die Familie sich verabschiedet hatte. "Chef, pack den Whisky aus", sagte der Vater dann zu seinem Schwiegersohn und ließ sich endlich in einen der Sessel fallen. Trotz seiner Müdigkeit half er seinen Kindern und dem Schwiegersohn zu verstehen, wer in der Familie wer war und wie sie miteinander zusammenhingen. Der Whisky am Abend wurde zum Ritual. Vor der Familie, die sich an muslimische Gesetze hielt, wollten sie ihn nicht trinken.

Nach wenigen Tagen waren sie so erschöpft, dass sie an Grippe erkrankten. Sie unterbrachen die Flurgespräche, beugten ihre Köpfe über Kochtöpfe, um heißen Wasserdampf mit Kräutern zu inhalieren, hüllten ihre Köpfe und Ohren in Handtücher. Die indischen Frauen gaben aufgeregt Ratschläge und streichelten ihre Rücken.

Als die Gäste nach einer Woche den Wunsch äußerten, schwimmen zu wollen, und die Familie, so fremd ihr dieses Bedürfnis war, eine aufwändige Fahrt organisierte - man musste mit dem Zug fahren, in ein Taxi umsteigen und das letzte Stück eine Rikscha nehmen - begann Moona sich zu entspannen. Obwohl keiner von ihnen schwimmen konnte, begleitete die Familie ihre Gäste ins Wasser - aus Neugier, wie es sich anfühlt, und vielleicht aus dem Wunsch heraus, alles gemeinsam zu tun. Die bunten Pumphosen und Hemden aus Seide klebten ihnen am Leib, bauschten sich auf, wenn das Wasser sich zurückzog. Moonas Tanten, alle um die 70, sprangen kichernd mit jeder kleinen Welle in die Höhe und schluckten viel Wasser. Schließlich nahmen sich alle an den Händen und bildeten eine bunte, lachende Kette.

So einen Strand hätte sich Moona nie ausgesucht. Das Wasser war schlammig, der Strand beinahe menschenleer. In größeren Abständen standen hässliche Betonhäuschen auf Sand. Hier zog man sich um und saß im Schatten. Aber das alles spielte jetzt keine Rolle. Moona löste sich aus der Gruppe und setzte sich neben die Emailleschüsseln, deren Inhalt Proviant für eine weitere Woche gewesen wäre, auf den Boden des Häuschens. Sie sah ihre Tanten, die sich in ihren leuchtenden Stoffen vom Wind trocknen ließen, dahinter ihren Vater, der knietief im Wasser stand, die Arme vor der Brust verschränkt hielt und mit seinen Cousins sprach.