Die Unruhe vor dem Feuerwerk

Die 129 Vulkane Indonesiens sind wahre Zeitbomben. Kein Staat der Erde zählt auf seinem Territorium so viele aktive Feuerspucker wie das Inselreich. Der gefährlichste unter ihnen: Merapi. Er pustet derzeit eine 600 Meter hohe Rauchsäule in die Luft, und seit einer Woche ergießt sich ein Lavarinnsal aus dem Krater – zwei Kilometer ist das köchelnde Bächlein schon lang. Der Ausbruch sei "nur noch eine Frage der Zeit", warnte Vizepräsident Yusuf Kalla am Donnerstag, nach einer Inspektion vor Ort.

Ausgerechnet an den Abhängen ihrer Feuerberge haben sich die Indonesier in großer Zahl niedergelassen, weil ausgerechnet im Schatten der Vulkane die Böden besonders fruchtbar sind. 17.000 Menschen wollen die Behörden rund um den Merapi evakuieren. Ein schwieriges Unterfangen, denn viele der Anwohner zögern, Haus und Vieh zu verlassen. Bislang haben sich erst einige Tausend in Sicherheit gebracht.

Der Merapi gehört zu den unberechenbarsten Vulkanen der Erde. 65 dokumentierte Ausbrüche finden sich in der Biografie des Wüterichs – und unzählige Tote. 1994 kamen 64 Personen ums Leben. Im Rennwagentempo rasten damals bis zu 600 Grad heiße Hitzewolken die Hänge hinunter und löschten das Leben aus, das ihnen in die Quere kam. Vier Jahre später, im Juli 1998, wurden rechtzeitig 10.000 Menschen vor Glutwolken und Ascheregen in Sicherheit gebracht – allerdings zerstörten diese Niederschläge an den Westhängen die Ernte und vergifteten in weiten Gebieten das Grundwasser. Für weiter entfernt lebende Menschen geht die größte Gefahr von den Flusstälern aus, die Schlammlawinen kanalisieren. Rund zwei Millionen Menschen leben in der erweiterten Gefahrenzone des Vulkans.

Seit den dreißiger Jahren steht der Merapi unter kontinuierlicher wissenschaftlicher Beobachtung – zwischenzeitlich war Deutschland mit mehreren DFG-Projekten beteiligt. Der lebhafte Feuerberg bietet Forschern gute Voraussetzungen, um neue Erkenntnisse zu sammeln. Wie der Mount St. Helens im US-Bundesstaat Washington gehört der Merapi zu den gut untersuchten Vulkanen der Welt. Rund um die Uhr haben ihn Forscher im Auge und achten auf kleinste Zuckungen. Besonders dann, wenn irgendwo auf der Erde eines der Aktivmitglieder im Vulkanverein zu rumoren beginnt, reisen neben den Sensationstouristen die Wissenschaftler an, in der Hoffnung auf spektakuläre Einsichten.

Mit Seismometern, Neigungsmessern, GPS-Stationen, Mikrofonen, Kameras, aber auch mit Hubschraubern, Flugzeugen und sogar Satelliten im All sammeln die Vulkanologen Daten, um den Ausbruch möglichst exakt vorauszusagen. Schlägt zum Beispiel ein Seismometer aus, kann ein Mikrofon oder eine Kamera klären, ob sich die Unterwelt gerührt hat oder nur ein Stein herunter gekollert ist. An den Monitoren interpretieren die Experten die Aufzeichnungen. Insbesondere dann, wenn sie harmonische Schwingungen mit einem sinusförmigen Verlauf erkennen, schöpfen sie Verdacht. Meist hat Magma die gleichförmige Unruhe verursacht. Es fließt durch den Untergrund und erzeugt ein Rauschen wie das Wasser in der Leitung.

Auch Veränderungen der Geländeoberfläche werden genau analysiert. Beult sich der Boden nach oben oder wechseln Felsen oder Bäume ihren Standort, drückt vermutlich flüssiges Gestein gegen die Oberfläche. Solche Veränderungen werden mit Hilfe von Neigungsmessern und GPS-Geräten entdeckt. Dann schlagen die Forscher Alarm, denn die Blase unter der verformten Erdoberfläche könnte jederzeit platzen.

Die Unruhe vor dem Feuerwerk

Manchmal aber schickt der Berg keine Warnung voraus – wie 1993 der kolumbianische Vulkan Galeras. In seiner Nähe tagten gerade Vulkanologen aus aller Welt, Und am Tag, als 13 Forscher auf dem Kraterrand Proben nahmen und Messgräte aufstellten, brach das Ungetüm aus. Sechs Wissenschaftler und drei Wanderer starben.

Seit 1975 verloren mindestens 29 Vulkanologen bei der Ausübung des Berufs ihr Leben. Unter ihnen der Geologe David Johnson, der aus vermeintlich sicherer Distanz von neun Kilometern den Mount St. Helens beobachtet hatte, als dieser ausbrach. Man fand keine Überreste. Eine Glutwolke hatte Johnson verbrannt.

Wann es am Merapi zum großen, vielleicht tödlichen Ausbruch kommt, kann niemand genau sagen. Unverständlich, dass die meisten Menschen die Warnungen der Behörden in den Wind schlagen und den Vorhersagen der Wissenschaftler misstrauen. Die Dorfbewohner rund um den Berg fühlen sich von ihrem heiligen Berg und seiner ungestümen Kraft nicht bedroht. Er ist seit Jahrhunderten Teil ihres Lebens. Verheerungen gelten als gottgewollt - was können ein paar Sensoren da schon Genaueres wissen.

Als wichtigere Informanten gelten ihnen die Tiere. Schlagen sich die Viecher in die Flucht, gilt das als untrügliches Zeichen. Bloß: Die intensivierte Landwirtschaft und die Siedlungstätigkeit an den Vulkanhängen hat dazu geführt, dass viele dieser Biosensoren längst Reißaus genommen haben. Auch ohne Grummeln im Untergrund.