Es ist eine hässliche Posse, die gegenwärtig in den Niederlanden aufgeführt wird, mit einem so unerwarteten wie niederschmetternden Resultat: Ayaan Hirsi Ali, Abgeordnete der rechtsliberalen VVD, Kämpferin gegen die Unterdrückung der Frau in der islamischen Welt und im vergangenen Jahr von Time zu einer der 100 politisch einflussreichsten Personen der Welt gewählt, verlässt Holland. Das meldet an diesem Montag der Onlinedienst der linksliberalen Tageszeitung  Volkskrant . Hirsi Ali gibt an diesem Dienstag auch ihr Abgeordnetenmandat zurück und wird künftig am konservativen American Enterprise Institute in Washington arbeiten.

Eigentlich hatte sie erst im kommenden Jahr in die Vereinigten Staaten ziehen wollen. Doch weil sich Nachbarn über Sicherheitsmaßnahmen beschwert hatten, muss Hirsi Ali nach einem Gerichtsurteil ihre Wohnung in Den Haag bis zum 27. August aufgeben. Die Islamkritikerin war eine enge Freundin des im November 2004 von einem islamistischen Fanatiker getöteten Filmemachers Theo van Gogh und stand nach mehreren Morddrohungen unter Polizeischutz.

Doch der Nachbarschaftsstreit ist ein vergleichsweise kleines Beiwerk zu der Treibjagd, die in den vergangenen Tagen gegen die Politikerin geführt wurde. Am vergangenen Donnerstag hatten Journalisten des Fersehmagazins Zembla das scheinbar Unglaubliche enthüllt: Hirsi Ali  hat gelogen. Sie hat ihren wahren Namen Hirsi Magan verschwiegen, als sie 1992 in die Niederlande kam, und auch ihr wahres Alter. Auch verschwieg sie, dass sie nicht direkt aus dem somalischen Bürgerkrieg geflüchtet war, sondern zuvor zwölf Jahre lang als anerkannter Flüchtling mit ihrer Familie in Kenia gelebt hatte. Hätten die Behörden damals davon gewusst, hätten sie Hirsi Ali nach Deutschland zurückschicken müssen, durch das sie eingereist war. So aber wurde sie als politischer Flüchtling anerkannt, erhielt Asyl und nahm 1997 die niederländische Staatsbürgerschaft an.

Alle diese Vorwürfe stimmen. Nur sind sie schon lange bekannt. Hirsi Ali selbst hatte sie öffentlich gemacht, bevor sie 2003 für das Parlament kandidierte. Niemand nahm es damals wichtig. Doch nun führten die Umstände ihrer Einbürgerung zu einem heftigen Disput in der holländischen Öffentlichkeit. Hilbrand Nawijn, damals Direktor der Ausländerbehörde, später für die Partei des Rechtspopulisten Pim Fortuyn Integrationsminister im ersten Kabinett Balkenende und heute Anführer einer kleinen rechten Splittergruppe im Parlament, forderte, Hirsi Ali müsse umstandslos ausgewiesen werden . Rita Verdonk, rechtsliberale Integrationsministerin, wies diese Forderung zunächst zurück. Doch am Samstag machte ihr Pressesprecher bekannt, die Ministerin wolle "Aspekte der Einbürgerung" ihrer Parteifreundin Hirsi Ali untersuchen lassen. Am Montagabend melden die Nachrichtenagenturen dann dies: Hirsi Ali steht vor dem Entzug ihrer Staatsbürgerschaft. Verdonk habe auf Anfrage aus dem Parlament mitgeteilt, die Einbürgerung der aus Somalia stammenden Politikerin werde als hinfällig betrachtet. Es sei denn, Hirsi Ali könne innerhalb der kommenden sechs Wochen widerlegen, dass sie bei ihrer Einbürgerung gelogen habe.

Unterstützung fand Verdonk in René de Groot, Hochschullehrer an der Universität Maastricht und Fachmann im Ausländerrecht. Er sagte der liberalen Tageszeitung Trouw , Hirsi Ali müsse vermutlich ihren Pass abgeben, weil sie falsche Angaben zu ihrer Person gemacht habe. De Groot bezieht sich auf ein Urteil des höchsten niederländischen Gerichts aus dem vergangenen Jahr. Der Hoge Raad hatte die Klage einer irakischen Familie auf ein Bleiberecht zurückgewiesen, weil sie für den Einbürgerungsbeschluss falsche Namen und Geburtsdaten angegeben hatte. Solche Papiere seien ungültig. Die Familie wurde abgeschoben. Weil Hirsi Ali ihre wahre Identität verschwiegen habe, besitze auch sie die niederländische Staatsbürgerschaft möglicherweise zu Unrecht, sagte der Hochschullehrer. Er forderte eine sofortige Untersuchung, zumal Hirsi Ali Parlamentsmitglied sei.

Auch der ehemalige politische Führer der VVD, Hans Dijkstal, verlangte Aufklärung und forderte Hirsi Ali auf darüber nachzudenken, ob sie ihr Mandat nicht niederlegen wolle. "Die Glaubwürdigkeit der VVD steht auf dem Spiel", sagte Dijkstal. Und Verdonk zog sich darauf zurück, im Fall ihrer Parteifreundin "keinen Standpunkt" zu haben. Allerdings wollte die Ministerin am Wochenende nichts mehr davon wissen, gesagt zu haben, Hirsi Ali müsse keine Konsequenzen fürchten. "Ich habe nie gesagt, dass sie nichts zu befürchten hat", wird Verdonk zitiert. "Gesetze und Regel gelten für jeden."